Und es gibt sie doch - Eine "gotländische" Fibel aus Starrvitz, Lkr. Vorpommern-Rügen

Fund des Monats April 2021

Abb. 1. Starrvitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. "Gotländische Fibel", L. ca. 5,5 cm, Br. 2,4 cm. Details anzeigen
Abb. 1. Starrvitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. "Gotländische Fibel", L. ca. 5,5 cm, Br. 2,4 cm.

Abb. 1. Starrvitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. "Gotländische Fibel", L. ca. 5,5 cm, Br. 2,4 cm.

Abb. 1. Starrvitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. "Gotländische Fibel", L. ca. 5,5 cm, Br. 2,4 cm.

Der Bakenberg auf der Halbinsel Wittow, Lkr. Vorpommern-Rügen, ist ein beliebtes Urlaubsgebiet. In lichtem Kiefernwald stehen gemütliche kleine Ferienhäuser, zu DDR-Zeiten entstanden und von ihren Besitzern liebevoll gepflegt. Zu den Urlaubern gehörte auch der vielseitig interessierte und weitgereiste Heinz Lange aus Langelsheim, der jedes Jahr mehrere Monate am Bakenberg verbrachte, Bilder malte und die Landschaft durchstreifte. Bei einer seiner Wanderungen über die Starrvitzer Äcker entdeckte Heinz Lange Mitte der 1990er Jahre ein ungewöhnliches Fundstück. Da er sich auch für Archäologie interessierte und einige Zeit in Schweden verbracht hatte, besaß er Bücher, in denen ähnliche Fundstücke abgebildet waren. Die Korrespondenz mit schwedischen Archäologen bestätigte seine Vermutung: Er hatte eine "gotländische Fibel" gefunden (Abb. 1). Solche Fibeln waren bis dahin auf Rügen unbekannt, und so ist es nicht erstaunlich, dass sich die Nachricht über den Fund in Fachkreisen schnell verbreitete.

In der folgenden Zeit ging das Fundstück durch verschiedene Hände, wurde wahlweise als Hinweis auf kulturelle Kontakte zwischen Rügen und Gotland bestaunt oder als modernes Mitbringsel von einer Schwedenreise verdächtigt. In dieser Zeit muss auch die Oberfläche der Fibel bearbeitet worden sein, denn ein Teil der Patina wurde entfernt, um das glänzende Metall freizulegen. Schließlich zerbrach die Fibel auch noch und wurde wieder zusammengeklebt. Nach längerer Odyssee kehrte sie schließlich am 24. Februar 2002 zu Heinz Lange zurück, der sie nun verständlicherweise unter Verschluss nahm. Im Juni 2002 gab es einen ersten Kontakt zum damaligen Landesamt für Bodendenkmalpflege, bei dem Heinz Lange die Fundgeschichte und die Fundstelle der Fibel detailliert beschrieb. Weitere Funde an der von Heinz Lange benannten Fundstelle bestätigten in den folgenden Jahren die Richtigkeit seiner Angaben. Es sollte allerdings noch einige Jahre dauern, bis die Fibel den Weg zurück nach Mecklenburg-Vorpommern fand. Nachdem Heinz Lange verstorben war, übergab seine Tochter Heiderose Wanzelius am 19. Juli 2017 das mittlerweile legendäre Fundstück (Abb. 2) an das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern.

Die Fibel gehört zur Familie der Fibeln mit rechteckiger Kopfplatte, die von der späten römischen Kaiser- bis in die Vendel- bzw. Merowingerzeit weit verbreitet waren. Die spezielle Ausformung mit rhombischem Fuß entstand kurz vor der Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. in Norddeutschland und Skandinavien und wurde in der Folgezeit in verschiedenen Regionen weiterentwickelt. Im Vergleich zu den überaus reich verzierten skandinavischen Fundstücken ist die Fibel aus Starrvitz eher von schlichter Schönheit. Ihr Fuß ist an den Rändern mit zwei Vogelköpfen verziert, die als Relief hervortreten und sich dem Germanischen Tierstil II zuordnen lassen. Die Fibel ist also stilistisch in die Zeit um 600 n. Chr. einzusortieren. Ansonsten sind von der Verzierung der Fibel nur noch einige Punzreihen auf dem Bügel und an seinen Rändern erhalten. Der sicherlich ebenfalls verzierte Belag der Kopfplatte, der mit zwei Nieten befestigt war, ist nicht mehr vorhanden, und auch der mit einem Niet auf dem Bügel befestigte Rückenknopf und der Zierknopf am Fußende fehlen. Die Rückseite der Fibel (Abb. 3) ist schlicht, Nadelhalter und Nadelrast sind noch vorhanden, ebenso Reste der eisernen Nadelkonstruktion. Reste von Textilien fanden sich in den Korrosionsprodukten nicht.

Was hat es nun mit der Bezeichnung "gotländische Fibel" auf sich – und ist sie überhaupt gerechtfertigt? Zweifellos sind auf Gotland viele der sogenannten Rückenknopffibeln ("ryggknappspännen") gefunden worden (Holtes 2017). Sie gelten als langlebige Form (Callmer 1999, 202). Zu den ältesten Varianten wird die Form mit einem Zierknopf am Fußende und zwei Randtieren gerechnet, wie sie auch an der Fibel von Starrvitz vorhanden sind. Die meisten gotländischen Fundstücke sind allerdings sehr viel aufwändiger gearbeitet, bestehen aus Silber oder vergoldetem Buntmetall und sind flächendeckend mit plastischen Verzierungen versehen, die sich auch über die breiten Seitenflächen der Kopf- und Fußplatte erstrecken. Manche ihrer aufgenieteten Rückenknöpfe haben die Form einer kleinen Dose, die ebenfalls vollflächig mit Kerbschnitt- und Tierstilmotiven verziert ist. Solche überaus reich verzierten, zum Teil außerdem mit Cloisonné-Einlagen verzierten Fibeln gehören ohne Zweifel zu den prachtvollsten Prestigegütern und zu den Spitzenleistungen des frühgeschichtlichen Metallhandwerks. Wo die Werkstätten saßen, die solche Leistungen vollbringen konnten, ist aber keineswegs sicher. Zumindest in einigen Fällen werden sie nicht auf Gotland, sondern auf dem Kontinent vermutet (Branca et al. 1999, 61).

Auch wenn Form und Stil der Fibel aus Starrvitz klare Bezüge zu den gotländischen Prestigefibeln zeigen, kann sie also wegen ihrer Schlichtheit gleichwohl nicht als typisch "gotländische Fibel" angesprochen werden. Es scheint vielmehr so zu sein, dass die wenigen Rückenknopffibeln mit einem Zierknopf am Fußende und zwei Randtieren, die außerhalb Gotlands vorkommen – so jedenfalls die ältere Forschungsmeinung (Stjerna 1905) –, eine eigene, "abgespeckte" Variante darstellen. Eine nahe Verwandte findet die Starrvitzer Fibel denn auch in der Altmark. Eine bei Ummendorf, Lkr. Börde, gefundene Rückenknopffibel zeigt deutliche Ähnlichkeiten in Machart und Verzierung. Sie ist jedoch verzinnt, ein Hinweis darauf, dass die silbrig glänzende Oberfläche sie kostbarer erscheinen lassen sollte, als sie tatsächlich war (Schwarz 2018).

Auch aus Mecklenburg-Vorpommern gibt es inzwischen mehrere Funde von Rückenknopffibeln. Aus Schwarbe, Lkr. Vorpommern-Rügen, stammt ein Bügelbruchstück mit Teilen der Kopfplatte (Schanz 2013, 281 f.). Bei Schalense, Lkr. Vorpommern-Greifswald, wurde ein Fibelbügel mit feiner Dreieckszier und Vergoldung entdeckt, dessen Absatz mit einer feinen, quergekerbten Halbrundleiste verziert ist (Schirren 2016, 274), und in Rostock-Dierkow die reich im Greiftierstil verzierte, vergoldete Kopfplatte einer solchen Fibel (Messal 2019, 63). Letzterer gebührt am ehesten das Prädikat "gotländische Fibel", kann sie sich doch unmittelbar mit den reich verzierten Rückenknopffibeln messen, wie sie aus den gotländischen Grabfunden bekannt sind.

Die Fibel aus Starrvitz war also gewissermaßen die Premiere der Rückenknopffibeln in Mecklenburg-Vorpommern. Inzwischen steht außer Zweifel, dass dieser Typ in Mecklenburg-Vorpommern vorkommt, und zwar sowohl in prachtvoller ("gotländische Fibel") als auch in schlichter Ausführung. Überhaupt hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass es in der Zeit um 600 n. Chr. an den Küsten und im Binnenland erheblich mehr Aktivität gab, als bislang vermutet. Die späte Völkerwanderungszeit ist nicht mehr das dunkle Zeitalter, das sie für die Archäologie lange war.

Dr. Detlef Jantzen

Literatur

Branca et al. 1999: Andre Branca, Bertil Helgesson, Birgitta Hårdh, Mimmi Tegner, Detektorfunna föremål från järnåldern. Översikt av materialet vid årsskiftet 1998/1999. In: Fynden i centrum. Keramik, glas och metall från Uppåkra. Uppåkrastudier 2. Acta Archaeologica Lundensia Series in 8°, No. 30. Stockholm 1999, 59-65.

Callmer 1999: Johan Callmer, Vikingatidens likarmade spännen, In: Fynden i centrum. Keramik, glas och metall från Uppåkra. Uppåkrastudier 2. Acta Archaeologica Lundensia Series in 8°, No. 30. Stockholm 1999, 201-220.

Holtes 2017: Nike Holtes, Vendeltida ryggknappspännen på Gotland: En studie av fyndkontexter. Abgerufen von uu.diva-portal.org am 21. Oktober 2020

Messal 2019: Sebastian Messal, Auf der Suche nach dem ältesten Hafen Rostocks. Archäologische Untersuchungen auf dem frühmittelalterlichen Seehandelsplatz am Primelberg in Rostock-Dierkow. Wilhelmshaven 2019.

Schanz 2013: Elke Schanz, Schwarbe, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 84. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 61, 2013, 281 f.

Schirren 2016: C. Michael Schirren, Schalense, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 9. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 64, 2016, 274.

Schwarz 2018: Ralf Schwarz, Gotländische Werkstattradition. In: Archäologischer Kalender Sachsen-Anhalt 2018, Halle 2018, Monat September

Stjerna 1905: Knut Stjerna, Bidrag till Bornholms befolkningshistoria under järnåldern. Antikvarisk tidskrift för Sverige 18:1. Stockholm 1905.

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