Von wegen keltisch: Ur- und frühgeschichtliche Feldsysteme im Nationalpark Jasmund (Insel Rügen)

Fund des Monats März 2022

Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Denkmalforschung im Wald. Eine beim Aussieben des Bodens gefundene Gefäßscherbe der jüngeren Bronzezeit gibt einen ersten Hinweis für die Datierung des vorgeschichtlichen Ackersystems. Foto: LAKD M-V/LA, Michael Schirren.Details anzeigen
Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Denkmalforschung im Wald. Eine beim Aussieben des Bodens gefundene Gefäßscherbe der jüngeren Bronzezeit gibt einen ersten Hinweis für die Datierung des vorgeschichtlichen Ackersystems. Foto: LAKD M-V/LA, Michael Schirren.

Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Denkmalforschung im Wald. Eine beim Aussieben des Bodens gefundene Gefäßscherbe der jüngeren Bronzezeit gibt einen ersten Hinweis für die Datierung des vorgeschichtlichen Ackersystems. Foto: LAKD M-V/LA, Michael Schirren.

Abb. 1: Stubnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Denkmalforschung im Wald. Eine beim Aussieben des Bodens gefundene Gefäßscherbe der jüngeren Bronzezeit gibt einen ersten Hinweis für die Datierung des vorgeschichtlichen Ackersystems. Foto: LAKD M-V/LA, Michael Schirren.

Im Januar 2016 ist in der Rubrik "Fund des Monats" erstmalig über urgeschichtliche Ackersysteme in den Wäldern von Mecklenburg-Vorpommern berichtet worden (Fund des Monats Januar 2016: Die Landschaft unter der Landschaft). Inzwischen erlauben hochauflösende LIDAR-Scans eine Identifikation auch sehr flacher und unscheinbarer Strukturen im Gelände. Damit wird eine Denkmalgattung in einem Umfang erkennbar, den man vorher weder erahnen noch ermessen konnte. Dieser Umstand erstaunt vielleicht, denn immerhin sind die sogenannten "Celtic Fields", wie ur- und frühgeschichtliche Flur- und Ackersysteme auch verallgemeinernd bezeichnet werden, in der archäologischen Siedlungsforschung Nordwestdeutschlands, Dänemarks, der Niederlande und der Britischen Inseln schon mehr als 100 Jahre bekannt. Die britische Forschung hielt sie bei ihrer Entdeckung für Feldsysteme der Kelten und benannte sie nach ihnen. Aber inzwischen ist klar, dass diese Flurformen bereits deutlich vor der in den Jahrhunderten vor Christi Geburt blühenden keltischen Eisenzeit "erfunden" wurden.

Dr. Volker Arnold als Leiter des Museums für Dithmarscher Vorgeschichte (seit 2005 "Museum für Archäologie und Ökologie Dithmarschen" in Albersdorf) hat sich seit 2011 mit den vorgeschichtlichen Feldfluren beschäftigt. Ihm waren zunächst auf analogen Luftbildern der Landesvermessung Schleswig-Holstein Strukturen aufgefallen, die auf das sehr viel häufigere Vorkommen der typischen vorgeschichtlichen Fluren hinwiesen, als dies bis dato bekannt gewesen war (http://www.museum-albersdorf.de/poster/index.htm). Die systematische Auswertung der LIDAR-Scans in Schleswig-Holstein zeigte dann, dass diese "Altfluren" in sehr vielen Wäldern erhalten geblieben sind (Arnold 2011, Arnold 2020). Inzwischen ergeben sich durch öffentlich zugängliche Daten der Landesvermessung gänzlich neue Möglichkeiten zur Auswertung von Form und Vorkommen der "Celtic Fields". Und sie wurden zuletzt nicht nur in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern entdeckt, sondern lassen sich inzwischen bis nach Ostpolen und in den süddeutschen Raum bis nach Bayern hinein nachweisen.

In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Maik Stöckmann (Hochschule Neubrandenburg) und dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Abteilung Landesarchäologie, konnte Volker Arnold zwischenzeitlich mehr als 140 Nachweise für vorgeschichtliche Feldsysteme in Mecklenburg-Vorpommern identifizieren. Deren Ausdehnung reicht im Einzelnen von einigen hundert Quadratmetern bis hin zu mehreren Quadratkilometern Fläche (wie zum Beispiel in der Rostocker Heide). Hochauflösende LIDAR-Scans und satellitengestützte, mobile Kartensysteme ermöglichen es inzwischen, gezielt an der Erforschung dieser interessanten Quellen zur ur- und frühgeschichtlichen Agrargeschichte zu arbeiten – sowohl vom Schreibtisch aus als auch im Gelände. So ermöglicht die Auswertung digitaler Geländemodelle zunächst, das grundsätzliche Vorkommen der Feldsysteme zu erfassen. Im Gelände selbst wird es durch den Abgleich von digitalem Geländemodell mit den jeweiligen Geländebefunden auch für das ungeübte Auge möglich, vom Menschen verursachte Veränderungen der Geländeoberfläche zu sehen. Außerdem wird die Feinkartierung zugehöriger Strukturen, wie zum Beispiel kleiner Lesesteinhaufen, die von den vorgeschichtlichen Bauern innerhalb der Felder oder an den Feldgrenzen angehäuft wurden, ebenfalls möglich.

Von Ende Juli bis Anfang August 2021 wurde in Zusammenarbeit mit dem Nationalparkamt Vorpommern/Außenstelle Jasmund, der Hochschule Neubrandenburg, dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, Abteilung Landesarchäologie, sowie dem Geologischen Dienst des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie (LUNG) eine einwöchige Sondierung an ausgewählten vorgeschichtlichen Feldsystemen im Waldgebiet der Stubnitz durchgeführt (Abb. 1). Tatkräftig unterstützt wurden die Arbeiten von Wibke Martin, dem ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Wolfram Pitzke und dem Studenten Toni Werner.

Ziel der forschungsgeschichtlichen Premiere von (Kleinst)-Grabungen an Celtic Fields in Mecklenburg-Vorpommern (Abb. 2) war die Gewinnung von Probenmaterial zur Datierung, Nutzungs- und Entstehungsgeschichte und die Anwendung bodenkundlicher Analysen. Auch Fragen des Erhaltungstandes und eines nachhaltigen Denkmalschutzes der Feldsysteme sind ein wichtiges Thema (Abb. 3). Die angewandte Untersuchungsmethode zur Probengewinnung ist im Prinzip sehr einfach: aus einem quasi "minimal invasiven" Eingriff (ein Grabungsschnitt von ca. 60 x 50 cm und ca. 50 cm Tiefe) wird der Boden schichtweise (10 cm) mittels Feinsieben und Ausschlämmen auf Holzkohle, Steinartefakte und Keramikscherben durchgesehen (Abb. 4). Denn bei der Anlage und Nutzung der wallartigen Feldsysteme gelangten regelmäßig organische Abfälle, Brandreste und Siedlungsschutt (mit dem Stallmist?) in den Boden. Anderen Ortes waren sogar schon zeitliche Abfolgen innerhalb der Erdwälle nachvollziehbar (Arnoldussen 2018).

Die archäologische Analyse der Befunde im Nationalpark Jasmund erfolgte schon vor Ort, wobei die aus den Grabungsschnitten geborgenen Funde – Feuersteinartefakte und jungbronzezeitliche Keramik – für eine überraschend frühe Datierung einiger Feldsysteme in das 1. vorchristliche Jahrtausend sprechen. Das passt gut zu den Ergebnissen der palynologischen Untersuchung des nahegelegenen Herthamoores durch Dr. Elisabeth Endtmann, die vor Entdeckung der Celtic Fields stattfand und eine intensive Auflichtungsphase der Stubnitz im ersten vorchristlichen Jahrtausend belegt (Endtmann 2002). Die C14-Analyse von insgesamt 8 Proben deutet einen Nutzungsschwerpunkt während der jüngeren Bronzezeit an (älteste Datierung 2755 ± 35 BP), zeigt aber zugleich eine Nutzungsdauer bis in die Slawenzeit an.

Überraschend ist die Vielfalt an Feldsystemen, wie sie sich unter dem alten Waldbestand des Nationalparks an Rügens Ostküste abzeichnet (Abb. 5). Außer schachbrettartigen Anordnungen sind verschiedene rechteckige oder ineinander verschachtelte Feldsysteme ebenso anzutreffen wie hangparallele Wälle, die terrassenförmig angeordnet sind. Verbergen sich dahinter unterschiedliche Entstehungszeiten, spezifische Anbaumethoden oder Reaktionen auf die jeweiligen Bodensubstrate und ihre Erosionspotentiale? Nicht nur für die archäologische Forschung, sondern auch für den Nationalpark Jasmund selbst ist die Lösung solcher Fragen von Interesse. Denn Waldgeschichte ist neben ihren natürlichen Entwicklungsgängen immer auch Kulturgeschichte, die es zu erforschen und für nachkommende Generationen zu bewahren gilt (Abb. 6). Seit der Jungsteinzeit ist der Mensch prägender Faktor in Landschaftsbild und Vegetationsgeschichte. Zumindest lassen das große Spektrum an Formen und das nahezu flächendeckende Vorkommen ur- und frühgeschichtlicher Feldsysteme schon jetzt die Waldgeschichte der Stubnitz in einem völlig neuen Licht erscheinen.

Dr. Volker Arnold (Heide),
Prof. Dr. Maik Stöckmann (Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Landschaftswissenschaften und Geomatik),
Stephanie Puffpaff (Nationalparkamt Vorpommern),
Frank Idler (Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern, Geologischer Dienst),
Dr. M. Schirren (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, Landesarchäologie)

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