Ein Blick in die Röhre - der spätbronzezeitliche Brunnen von Ferdinandshof, Lkr. Vorpommern-Greifswald

Fund des Monats Mai 2020

Abb.1: Ferdinandshof, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Die Brunnengrube im Profil. Foto: LAKD MV/LA, C. Unglaub.Details anzeigen
Abb.1: Ferdinandshof, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Die Brunnengrube im Profil. Foto: LAKD MV/LA, C. Unglaub.

Abb.1: Ferdinands­hof, Lkr. Vor­pom­mern-Greifs­wald. Die Brunnen­grube im Profil.

Abb.1: Ferdinands­hof, Lkr. Vor­pom­mern-Greifs­wald. Die Brunnen­grube im Profil.

Keine Siedlung ohne Wasser: Mensch, Vieh und Nutzpflanzen sind auf eine möglichst kontinuierliche Versorgung mit dem kostbaren Rohstoff angewiesen. Wie unterschiedlich dieses Problem gelöst wurde, zeigt die erstaunliche Vielfalt von Brunnenkonstruktionen, die den Grabungsteams des LAKD bei ihrer Arbeit begegnet.

Zu den außergewöhnlicheren Erscheinungen gehört ein Brunnen, der bei baubegleitenden Ausgrabungen im Trassenverlauf der Europäischen Gas-Anbindungsleitung (EUGAL) östlich von Ferdinandshof, Lkr. Vorpommern-Greifswald, dokumentiert wurde. Im Randbereich einer bekannten spätbronze- und früheisenzeitlichen Siedlung gelegen, war der im Planum ovale Befund (Dm. ca. 4,8 m) im oberen Bereich (0,5 m) mit dunkelgrau-schwarz verfärbtem, torfig-humosem Sand verfüllt (Abb. 1). Trichterförmig lief die ehemals über 1,90 m tiefe Eingrabung nach unten zu. Im Profil gut erkennbar war auch die umgebende Baugrube mit ihrer Verfüllung aus hellbraunem Sand. Der Sohlbereich des Brunnens bestand aus einem rechteckigen Kasten (1,6 x 1,05 m) aus senkrecht gesetzten, ca. 2 bis 3 cm starken Holzbohlen (Abb. 2). Diese waren unten angespitzt und in den Sand getrieben (Abb. 3). Im Inneren wurde die Konstruktion durch waagerecht verbaute Bretter verstärkt. Der Kasten war mit einer Lage gebrannter, etwa faustgroßer Steine verfüllt (Abb. 4).

Nach der Dokumentation wurde der Kasten weiter freigelegt. Im seinem Inneren wartete eine Überraschung: Unter der Steinlage kam eine gut erhaltene Brunnenröhre (H. noch 0,75 m) zutage. Sie bestand aus drei Segmenten eines ausgehöhlten Baumstamms, die am oberen und unteren Ende mit ausgestemmten Löchern versehen waren (Abb. 5). Durch diese Löcher waren Seile aus Rindenbast geführt (Bestimmung durch: Heitmann 2019), welche die Segmente zusammenhielten (Abb. 6).

Leider enthielt der Brunnen keine Funde mit Ausnahme einer einzelnen, wohl bronzezeitlichen Wandungsscherbe mit einfacher Griffknubbe, die in der Baugrube an der Westseite des Brunnenkastens lag.

Eine Radiokarbonanalyse von Makroresten aus der Verfüllung der Röhre ergab ein Alter von über 2500 Jahren (630±95 bis 548 ±110 calBC), der Brunnen wurde also am Übergang von der späten Bronze- zur frühen vorrömischen Eisenzeit aufgegeben. Damit handelt es sich um den bislang frühesten Nachweis der kombinierten Bauweise aus Röhre und Kasten in Mecklenburg-Vorpommern. Bislang war sie erst aus der jüngeren vorrömischen Eisenzeit (Schmidt 2010) und der Slawenzeit bekannt (Biermann/Goßler 2009).

Christoph Unglaub M.A. / Dominik Forler M.A.

Literatur

Heitmann 2019: K. Heitmann, Untersuchungsbericht Fasermaterial einer vorgeschichtlichen Seilprobe. (Köln 2019).

Schmidt 2010: J.-P. Schmidt, Die frühkaiserzeitliche Siedlung von Pinnow, Lkr. Parchim. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 58 (Schwerin 2010) 99.

Biermann/Goßler 2009: F. Biermann, N. Goßler, Brunnen, Graben, Wasserstraße. Leben mit dem Wasser in der mittelalterlichen Nordwestprignitz. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 21 (Paderborn 2009) 31-38.

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