Glasur- und Malproben aus der Stralsunder Fayencemanufaktur

Fund des Monats Juli 2022

Abb. 1. Hansestadt Stralsund, Katharinenberg 2. Brennstützen für Glasur- und Malproben (Breite oben links 3,9 cm). Details anzeigen
Abb. 1. Hansestadt Stralsund, Katharinenberg 2. Brennstützen für Glasur- und Malproben (Breite oben links 3,9 cm).

Abb. 1. Hansestadt Stralsund, Katharinenberg 2. Brennstützen für Glasur- und Malproben (Breite oben links 3,9 cm).

Abb. 1. Hansestadt Stralsund, Katharinenberg 2. Brennstützen für Glasur- und Malproben (Breite oben links 3,9 cm).

2018 sollte das Grundstück Katharinenberg 2 in der Hansestadt Stralsund neu bebaut werden. Zuvor erfolgte eine Bergungs- und Dokumentationsmaßnahme der Landesarchäologie. Dabei wurden zwei flache, dicht nebeneinanderliegende Gruben freigelegt, die mit mehreren Zentnern Produktionsabfall der von 1755 bis 1792 existierenden Stralsunder Fayencemanufaktur gefüllt waren. Zahlreiche Passscherben zeigten eine gleichzeitige Verfüllung dieser Gruben an. Der Ort der Entdeckung war keine Überraschung, denn es war bekannt, dass das betreffende Grundstück zum Hofbereich der Fayencemanufaktur gehörte.

Historische Quellen ermöglichen es, fünf Produktionsperioden zu unterscheiden (1755–1767; 1767–1770; 1771–1780; 1780–1785; 1786–1792). Da nur die Produkte aus der zweiten Produktionsperiode umfassend gemarkt waren und damit noch heute zweifelsfrei als Stralsunder Erzeugnisse erkennbar sind, gibt es für die anderen Perioden bedeutend weniger Belege für deren Erzeugnisse. Wie so oft kann dieses Thema nur durch Bodenfunde vorangebracht werden. Vor diesem Hintergrund spielt der Neufund eine große Rolle.

Bei der Masse der Funde handelt es sich um Überreste von Schrühbränden, also von Gefäßen, die noch nicht glasiert waren. Ein Schrühbrand erforderte höhere Brenntemperaturen als der anschließende Glasurbrand. Dagegen stammt nur eine überschaubare Scherbenmenge von bereits glasierten Gefäßen. Das hängt damit zusammen, dass die Ausschussrate in einer Fayencemanufaktur bedeutend geringer war als in einfachen Irdenwarentöpfereien, da sämtliche Gefäße aufgrund der teuren Zinnglasur in Brennkapseln gebrannt wurden. So fand sich auch eine stattliche Anzahl von Brennhilfsmitteln, wie Bruchstücke von Brennkapseln und Stapelhilfen, in den beiden Gruben.

Eine große Überraschung war der Nachweis von über 150 Glasur- und Malproben. Vergleicht man die Mengen der entsprechenden Fundkategorien, so sind diese statisch gesehen überrepräsentiert. Die Schrüh- und Glasurbrände sowie die Brennhilfsmittel stammen fast ausschließlich aus einem ganz kurzem Zeitraum, der unmittelbar vor der Vergrabungszeit einzuordnen ist. Dies trifft nicht für die Glasur- und Malproben zu, da mindestens 70 von ihnen tagesgenaue Datierungen haben, die den Zeitraum vom 13. Januar 1775 bis zum 2. September 1784 überspannen. Folgende Jahrgänge sind vertreten: 1775, 1778, 1779, 1781, 1782, 1783 und 1784. Offensichtlich handelt es sich um gesammelte Proben aus der dritten und vierten Produktionsperiode, die im Zusammenhang mit dem Ende der vierten Produktionsperiode nach dem 2. September 1784, spätestens aber im Frühjahr 1785 in den Boden gelangten. Der Auslöser hierfür könnte eine große Aufräumaktion gewesen sein. Die genaue Datierung der Ablagerungszeit der großen Scherbenpackung ist ein Glücksfall für die Erforschung der Produktpalette der vierten Produktionsperiode.

Die Glasur- und Malproben sind verschiedenartig gestaltet. Charakteristisch ist aber für alle, dass sie im Ofen senkrecht standen. Als Brennstützen wurden halbkugelförmige Tonklumpen genutzt, in die man die Proben hineinsteckte (Abb. 1). Als Grundkörper der Proben dienten Bruchstücke von Schrühbränden, zumeist Randscherben. Die Hauptaufgabe der Glasurproben war, die angesetzte Glasurmasse im aktuellen Brand zu testen, um sie anschließend für die Gefäßbemalung des folgenden Brandes zu nutzen. Es kommen auch Stücke vor, die keine Beschriftung tragen. Wahrscheinlich war dann nur ein Behälter mit Glasurmasse angerührt worden, so dass keine Verwechselungsgefahr bestand. Ein Beispiel dafür zeigt zwei blaue Glasurstreifen, aber auch eine sorgfältig aufgetragene Randbemalung (Abb. 2). Bei einem anderen Stück mit der Datierung "23./6. 81." ist noch "N: 5." zu lesen (Abb. 3). Da dürfte es also mindestens fünf Behältnisse mit blauer Glasurmasse gegeben haben. Eine weitere Glasurprobe mit drei blauen Streifen trägt die Kennzeichnung "D 9/7 83" (Abb. 4). Der Buchstabe "D" dürfte für einen Maler stehen, dessen Identifizierung fast unmöglich ist. Über das Manufakturpersonal der vierten Produktionsperiode ist nur wenig bekannt, außer dass ein Schriftstück vom 30. April 1784 von 29 Personen berichtet, die in der Fabrik beschäftigt waren.

Bei einer Glasurprobe vom "21/10 79" gibt es blaue, grüne, braune, braungelbe und schwarzgraublaue Glasurstreifen (Abb. 5). Zur Kennzeichnung von Behältnissen mit gleichartigen Farbtönen wurden hier sowohl arabische Zahlen als auch Punktfolgen genutzt. Eine kombinierte Glasur- und Malprobe zeigt auf der einen Seite zwei Glasurstreifen und auf der anderen ein in Kupferstichmanier gemaltes Miniaturbild (Abb. 6). Dargestellt ist ein Haus, vielleicht eine Herberge, und ein Baum, an dessen einem Ast ein Zeichen mit den drei Schwedenkronen angebracht ist. Links sind ein Wanderer und das Grundgerüst einer Vogelscheuche dargestellt. Vielleicht hat hier ein erfahrener Maler ein neues Motiv ausprobiert. Auf einer weiteren Glasur- und Malprobe sind mit gekonntem Pinselstrich florale Elemente aufgetragen worden (Abb. 7). Die Buchstaben "B P." dürften die Initialen des Malers sein. Auf einer reinen Malprobe ist als Grunddekor die bianco-sopra-bianco Technik angewendet worden, also eine weiß-auf-weiß Malerei, über die abschließend eine feine blaue Dekoration aufgetragen wurde (Abb. 8). Eine andere Malprobe zeigt bei genauer Betrachtung, dass sich hier keine geübte Hand verewigt hat, da der Stern im Zentrum des blau gemalten Nordsternmotivs asymmetrisch ist (Abb. 9). Auch die weiß gemalten Muster sind noch entwicklungsfähig. Es dürfte sich um das Produkt eines Lehrlings handeln, dessen Nachnahme mit einem "K" begann.

Zuletzt sei noch auf eine unscheinbare Glasurprobe mit der Datierung "5/2 78" hingewiesen (Abb. 10). Die Farbe des Scherbens ist nicht wie bei der Masse der Proben hellgelb, sondern weiß. Es handelt sich um den ersten Nachweis für eine Produktion von Steingutgefäßen in der Stralsunder Fayencemanufaktur. In den historischen Quellen wird gelegentlich von "gelber Ware" gesprochen. Bisher war nicht bekannt, was damit gemeint ist. Aufgrund mehrerer Glasurproben mit weißem Scherben und markanter Reliefverzierung kann dieses Rätsel als gelöst gelten: Bei der "gelben Ware" handelt es sich um Steingut.

Dr. Heiko Schäfer

Literatur:

H. Fries/H. Schäfer, Ein Fayencefund des 18. Jahrhunderts aus Güstrow – Ein Beitrag zur Erforschung der Spätphase der Stralsunder Fayencemanufaktur. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 66, 2018, 231–260.

P. Kaute, Kurze Fundberichte 2018. Stralsund, Hansestadt, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 465. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 66, 2018, 526–529.

G. Schulz-Berlekamp, Stralsunder Fayencen 1755–1792. Berlin 1991.

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