Dorfkirche Recknitz, Lkr. Rostock - Ein Blick(e) unter den Fußboden

Fund des Monats April 2020

Abb. 1: Recknitz, Lkr. Rostock. Dorfkirche, Blick nach Nordwesten. Foto: LAKD MV/LA, Dr. J. AnsorgeDetails anzeigen
Abb. 1: Recknitz, Lkr. Rostock. Dorfkirche, Blick nach Nordwesten. Foto: LAKD MV/LA, Dr. J. Ansorge

Abb. 1: Recknitz, Lkr. Rostock. Dorfkirche, Blick nach Nordwesten.

Abb. 1: Recknitz, Lkr. Rostock. Dorfkirche, Blick nach Nordwesten.

Die Dorfkirche von Recknitz, zwischen Laage und Güstrow im Landkreis Rostock gelegen, ist ein Bau der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts (vgl. Schlie 1901, 292-298; www.dorfkirchen-in-not.de/projekte/recknitz, Abb. 1). Der Chor aus Feldsteinen mit Dreifenstergruppe und einem Giebel mit Blendenkreuz und steigendem Rautenfries aus Backstein entstand nach Ausweis der Dendrodaten 1261/62. Das Schiff kam nur wenige Jahre später 1277/78 (d) unter Dach (freundliche Mitteilung von Jakob Kayser, Schönfeld), bevor es im 14. Jahrhundert über einer Mittelsäule vierfach eingewölbt wurde. Der Turm ist ein jüngerer Anbau des 15. Jahrhunderts, der möglicherweise einen älteren Fachwerkturm einhaust.

Im Zusammenhang mit der Sanierung des Fußbodens im Kirchenschiff führte die Abteilung Landesarchäologie des LAKD M-V, vertreten durch den Verfasser und die ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerin Kerstin Bockholt, baubegleitende archäologische Untersuchungen durch.

Nach Aufnahme der quadratischen, handgestrichenen Ziegelplatten (21,5 x 21,5 x 6 cm) erfolgte ein etwa 20 cm mächtiger Schichtabtrag. Dabei konnten mehr als 200 Münzen mit dem Metalldetektor geborgen werden. Sie belegen einerseits die Zusammensetzung des Kollektegeldes und den lokalen Münzumlauf in Mecklenburg, andererseits geben sie Hinweise auf die bauliche Entwicklung und Nutzung der Kirche. Die ältesten Hohlpfennige datieren in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts (frdl. Mitteilung Dr. Michael Kunzel, DHM). Während des 14. und 15. Jahrhunderts dominieren mecklenburgische Hohlpfennige, aber auch größere Nominale, sogar Witten, kommen vereinzelt vor. Das frühe 16. Jahrhundert mit den Reformationsjahren ist kaum vertreten. Um 1579 gingen einige Kupferscherfe wahrscheinlich bei Baumaßnahmen für die Kanzel und das Patronatsgestühl verloren. Während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und einige Jahrzehnte darüber hinaus kamen gar keine Münzen in den Boden. Das späte 17., das 18. und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts haben den umfangreichsten Münzniederschlag hinterlassen. Die jüngste Münze aus dem Jahr 1843 (Abb. 2) deutet darauf hin, dass man den Ziegelfußboden um 1850 verlegte, als auch das neue Altargemälde des Schweriner Hofmalers Gaston Lenthe (1805-1860) angeschafft wurde. Außer den Münzen ergänzen einige Buchverschlüsse und Knöpfe sowie Fensterblei das Fundmaterial. Gebrauchskeramik und -glas fehlen weitestgehend.

Bei der Verlegung des Fußbodens sind seinerzeit etliche Kalkstein-Grabplatten des 17. und 18. Jahrhunderts neu in diesem angeordnet worden. Zwei neuzeitliche, aus Backsteinen gemauerte tonnenüberwölbte Gruftanlagen im Nord- und Südosten des Kirchenschiffes wurden zu dieser Zeit ebenfalls aus der Nutzung genommen; die südliche, den Vieregges auf Rossewitz gehörende, mit Sand verfüllt. In der nördlichen 4 x 5 m großen und reichlich 2 .tiefen Gruft der Familie von Buch (Abb. 3) stehen noch mindestens fünf reich mit Blei/Zinn-Beschlägen verzierte Holzsärge des 18. Jahrhunderts, die dem natürlichen Verfall unterliegen (Abb. 4). Dies ließ sich durch ein kleines Loch im Scheitel des Tonnengewölbes beobachten, ohne den Befund zu verändern.

Eine außergewöhnliche Entdeckung waren zwei aus Eichenholz (Querschnitt ca. 15 cm) gezimmerte Grabeinfassungen, in die Namen und Sterbedaten der Bestatteten sowie ein Grabspruch eingeschnitten waren. Der südliche Rahmen (191 cm x 105 cm) trägt die lateinische Inschrift (Abb. 5):

†††

IN x DEO x QUIESCIT x HIC x CUNO x FRIED x PRÜSSING x S S THEOL

STUDIOSUS SEPULTUS x 1748

DIMITTITE x EUM x NEMO x COMMOVEAT x OSSA x EIUS

Die deutsche Übersetzung lautet wie folgt:

†††

Hier ruhet in Gott Cuno Friedrich Prüssing, Student der heiligen Theologie,

begraben 1748,

lasset ihn liegen, niemand bewege seine Gebeine

Cuno Friedrich Prüssing war der Bruder des in Groß Brütz geborenen örtlichen Pastors Johann Joachim Prüssing (geb. 1715, Pastor seit 1747, gest. 1785). Cuno Friedrich hatte sich 1741 an der Universität Rostock eingeschrieben.

Der zweite Rahmen [197 cm x 93 cm (Kopf) x 72 cm (Fuß)] umgibt das Begräbnis der 1769 verstorbenen Agnesa Friedericia Prüssing, Schwester des genannten Pastors. Die eingeschnittene Inschrift in deutscher Sprache lautet (Abb. 6):

HIER RUHET IN GOTT DIE DEMOISELLE AGNESA

FRIEDERICIA PRÜS

SINGEN DES HERN PASTORIS SCHWESTER IST BERGABEN 1769 d 6 oc

NIEMAND STÖRE MEIN GRAB [Von anderer Hand]

Solche Holzrahmen als Einfassung bzw. Markierung von Grabstellen in Kirchen sind sehr selten erhalten, so z. B. im Ziegelfußboden der Dorfkirche von Lärz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte (freundlicher Hinweis von Detlef Witt, Ahrendsee). Dort handelt es sich um vier Pastorengräber bzw. Gräber ihrer Angehörigen, die in bester Lage im späten 18. und frühen 19. Jh. vor dem Altar angelegt wurden (Abb. 7, www.dorfkirchen-in-not.de/projekte/laerz).

Dr. Jörg Ansorge

Literatur

Schlie 1901: Friedrich Schlie, Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. IV. Band: Die Amtsgerichtsbezirke Schwaan, Bützow, Sternberg, Güstrow, Krakow, Goldberg, Parchim, Lübz und Plau. Schwerin 1901.

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