Stierköpfe in vielen Varianten: Der Münzschatz von Gorschendorf, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte

Fund des Monats Januar 2022

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Abb. 1: Gorschendorf, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Münzschatz in situ.

Abb. 1: Gorschendorf, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Münzschatz in situ.

Abb. 1: Gorschendorf, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Münzschatz in situ.

In der Gemarkung Gorschendorf, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, unmittelbar angrenzend an die Feldmark der Stadt Malchin, hatte Sebastian John im November 2018 das große Glück, einen Münzschatz zu entdecken. Erfreulicherweise war dieser über die Jahrhunderte fast nicht gestört worden, nur die aus einem fragmentierten Gefäßboden slawischer Machart bestehende Abdeckung und einige Münzen waren etwas verlagert, was mit einem Tiergang oder einer vergangenen Wurzel erklärbar ist (Abb. 1). Bei dem Münzschatzgefäß handelt es sich um einen kleinen spätslawischen Topf vom Typ Vipperow, der zusammen mit seinem Inhalt 1.989 g auf die Waage brachte.

Die Münzen wurden von einer Restauratorin lagenweise aus dem Gefäß entnommen und dokumentiert. Anschließend wurde jede Münze gemessen, gewogen und fotografiert. Die wissenschaftliche Bearbeitung ist jetzt so weit vorangeschritten, dass ein erster Überblick über diesen Fund gegeben werden kann. Das Gefäß war mit 2.403 Silbermünzen gefüllt, darunter acht doppelseitig geprägte Denare und 2.395 Hohlgepräge, jeweils im Wert von einem Pfennig. Gelegentlich waren letztere nachträglich halbiert.

Die mit Abstand älteste Münze ist ein zwischen um 1170 und 1180 geprägter, pommerscher Johannisdenar. Bei der zweitältesten Münzsorte handelt es sich um mecklenburgische Stierkopfbrakteaten der zweiten Prägeperiode, die zwischen „um 1225“ und „um 1245“ datiert. Die Durchmesser dieser Stücke schwanken zwischen Werten um 19 und 20 mm. Von den schon bekannten Typen enthält der Fund nur wenige Belegstücke, wozu ein Brakteat mit einer flachen Mauer, die von zwei kleinen Kuppeltürmen flankiert wird, und einem darüber befindlichen Stierkopf zählt (Abb. 2).

Zu den Seltenheiten innerhalb dieses Fundes zählen zwei Typen von Stierkopfbrakteaten, die in den Standardwerken nicht gelistet sind. Es handelt sich einerseits um eine Sorte, die einen Ringel in einem Kreis als Beizeichen zwischen den Hörnern zeigt (Abb. 3) und andererseits in gleicher Position ein Radkreuz (Abb. 4). Bedeutend häufiger sind zwei bisher unbekannte Typen von Stierkopfbrakteaten vertreten, die zwischen den Hörnern zwei Kreuze (Abb. 5) bzw. ein Kreuz mit einem Ringel in der Mitte (Abb. 6) aufweisen. Der Fundort des Schatzes unmittelbar an der Grenze der Malchiner Feldmark erlaubt die Hypothese, dass diese beiden Münzensorten in Malchin geprägt worden sind, da das Stadtwappen von Malchin über einem Stierkopf ein Kreuz zeigt. Die erste historische Erwähnung der Stadt Malchin datiert in das Jahr 1236 und die in Rede stehenden Brakteaten könnten demnach Prägungen aus der Zeit um 1240/45 sein.

Der Schatz besteht hauptsächlich aus Stierkopfhohlpfennigen mit Durchmessern von etwa 17 bis 18 mm, die in die Zeit nach „um 1245“ zu datieren sind. Unter diesen sind zwei bekannte Typen ohne Beizeichen stark vertreten. Es handelt sich um eine Sorte ohne Krone (Abb. 7) und eine mit Krone (Abb. 8). Bestens bekannt ist auch die Sorte, die über einem Stierkopf einen gekrönten Menschenkopf zeigt (Abb. 9).

Von großem Interesse sind zahlreiche neue Typen von Stierkopfhohlpfennigen, die man in den Standardwerken vergeblich sucht. Auf einem Stück ist unter dem Stierkopf eine dreigeteilte Mauer (Abb. 10) und auf einem anderen ein flacher Torbogen (Abb. 11) zu erkennen. Neu sind auch Hohlpfennige mit einer Geweihstange (Abb. 12) sowie mit einem Schild mit Schrägbalken (Abb. 13) zwischen den Hörnern. Weiterhin gibt es eine Sorte, die auf beiden Seiten des Kopfes mit je einer halben Lilie gekennzeichnet ist (Abb. 14). Interessant ist auch ein Typ mit einem Drehschlüssel im oberen Feld (Abb. 15). Von den neuen Stierkopfhohlpfennigen sei noch ein Typ vorgestellt, der als Beizeichen zwei Doppelhaken, vergleichbar mit Wolfsangeln, besitzt (Abb. 16). Der Gorschendorfer Fund ist reich an Überprägungen, was mit häufigen Verrufungen zusammenhängt, bei denen die Inhaber des Münzrechts bestimmte Münzen für ungültig erklärten oder sie herabwerteten. Dabei wurde ein älteres Hohlgepräge glatt gehämmert und neu beprägt. Dieses Phänomen erlaubt chronologische Rückschlüsse zur Geprägeabfolge. Beispielhaft sei ein Stierkopfhohlpfennig mit einer Rosette zwischen den Hörnern vorgestellt, bei dem sich, annähernd auf dem Kopf stehend, als Untergepräge ein Stierkopf mit zwei Wolfsangeln zu erkennen gibt (Abb. 17). Am linken Rand des Prägefeldes ist eine der Wolfsangeln sichtbar.

Eine untergeordnete Rolle spielen in diesem Fund Münzen aus benachbarten Regionen. Zuerst sollen vier Hohlpfennigtypen vorgestellt werden, für die sich in der Standardliteratur bisher noch keine identischen Vergleiche finden ließen. Eine Sorte mit einer Krone über einem Drehschlüssel (Abb. 18) lässt sich aber anhand der Ähnlichkeit des Motivs der pommerschen Münzstätte Wolgast zuweisen. Zum Fürstentum Rügen führt ein Typ, der eine Flagge an einem Lilienstab zeigt (Abb. 19). Die Darstellungen eines Turmes (Abb. 20) und eines Torturmes (Abb. 21) sind durch die kugelförmigen Zinnen stilistisch verbunden. Vielleicht handelt es sich um Gepräge aus Rügen oder Pommern. Bestens bekannt ist dagegen der Typ mit Perlrand und einem gekrönten Haupt, der in Lübeck geschlagen wurde (Abb. 22). Die Sorte mit einem von zwei Ringeln flankierten Königskopf ohne Perlrand ist sehr wahrscheinlich auch nach Lübeck zu verweisen, Vergleichsfunde fehlen aber in den Standardwerken (Abb. 23). Hamburg ist durch mehrere verschiedene Typen belegt, die aber stets den sechsstrahligen Stern im Tordurchgang zeigen (Abb. 24). Das sonst so bekannte Nesselblatt im Tor wird erst kurz nach dem Fundabschluss von Gorschendorf für Hamburger Gepräge markant, die allerneuesten Münzen aus Hamburg fehlen also in diesem Fund.

Zum Schluss sei noch auf sieben Denare, also zweiseitig geprägte Pfennige, aus Brandenburg hingewiesen. Es handelt sich um drei verschiedene Typen, die aufgrund des bisherigen Forschungsstandes, der allerdings nicht in Stein gemeißelt ist, um 1245/50, um 1250 und um 1255 datiert werden. Auf einem dieser Stücke sind auf der einen Seite ein sitzender Markgraf und auf der anderen das Oberteil eines Adlers unter fünf Türmchen zu erkennen (Abb. 25).

Nach dem bisherigen Kenntnisstand ist der Münzschatz von Gorschendorf um 1250, vielleicht auch einige Jahre später, in den Boden gelangt. Er ist auf jeden Fall älter als der bei Dargun gehobene Fund von Alt Bauhof, der um 1260/70 datiert und zahlreiche Hohlpfennige mit Strahlenrand enthält. Von ihnen gibt es in Gorschendorf kein einziges Exemplar.

Der Schatzfund mit seinen vielen neuen einheimischen Münzsorten und der soliden chronologischen Einordnung stellt für die Erforschung der Münzgeschichte des 13. Jahrhunderts, insbesondere der Herrschaften Mecklenburg, Rostock, Parchim und Werle, einen wichtigen Mosaikstein dar. Zusammen mit weiteren Neufunden kann unter anderem das komplexe Thema, welche Typen von Stierkopfbrakteaten und -hohlpfennigen welcher Herrschaft zuzuordnen sind, vorangetrieben werden. Er ist somit für die Landesgeschichte von hervorragender Bedeutung.

Dr. Heiko Schäfer

Literatur:

H.-D. Dannenberg, Die brandenburgischen Denare des 13. und 14. Jahrhunderts. Typenkatalog, Prägezeiten, Historische Zusammenhänge. Berlin 1997.

H. Dannenberg, Münzgeschichte Pommerns im Mittelalter. Berlin 1893.

O. Oertzen, Die mecklenburgischen Münzen des Grossherzoglichen Münzkabinets. I. Teil: Die Bracteaten und Denare. Schwerin 1900.

C. Teske, Die Wappen der Großherzogthümer Mecklenburg, ihrer Städte und Flecken. Görlitz 1885.

R. Uecker/M. Kunzel, Die frühen mecklenburgischen Stierkopfbrakteaten, ca. 1201 bis um 1245. – Berliner Numismatische Forschungen 3, 1989, 29–64.

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