"Nicht schlecht, Herr Specht!"

Fund des Monats Juli 2020

Abb. 1: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. Der 842 v. Chr. angelegte Brunnen im Profil. Die Holzröhre ist aufgeschnitten, um ihren Inhalt untersuchen zu können. Hier geht es jedoch um den Baumstamm im Vordergrund, der vor etwa 125.000 Jahren umstürzte und in einer Torfschicht bis in die Gegenwart überdauerte. Foto: LAKD MV/ LA, D. ForlerDetails anzeigen
Abb. 1: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. Der 842 v. Chr. angelegte Brunnen im Profil. Die Holzröhre ist aufgeschnitten, um ihren Inhalt untersuchen zu können. Hier geht es jedoch um den Baumstamm im Vordergrund, der vor etwa 125.000 Jahren umstürzte und in einer Torfschicht bis in die Gegenwart überdauerte. Foto: LAKD MV/ LA, D. Forler

Abb. 1: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. Der 842 v. Chr. angelegte Brunnen im Profil. Die Holzröhre ist aufgeschnitten, um ihren Inhalt untersuchen zu können. Hier geht es jedoch um den Baumstamm im Vordergrund, der vor etwa 125.000 Jahren umstürzte und in einer Torfschicht bis in die Gegenwart überdauerte.

Abb. 1: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. Der 842 v. Chr. angelegte Brunnen im Profil. Die Holzröhre ist aufgeschnitten, um ihren Inhalt untersuchen zu können. Hier geht es jedoch um den Baumstamm im Vordergrund, der vor etwa 125.000 Jahren umstürzte und in einer Torfschicht bis in die Gegenwart überdauerte.

Spechte (Picidae) sind Höhlenbrüter. Sie geben sich aber nicht mit den Höhlen zufrieden, die die Natur zu bieten hat. Nein, es muss eine individuelle Höhle sein, die sie mit dem Schnabel aus einem Baumstamm herausmeißeln. Bis zu 12.000 Schläge schafft ein Specht pro Tag, das Hämmern gehört zur natürlichen Begleitmusik des Waldes.

Hat das etwas mit Archäologie zu tun? Nicht unmittelbar, aber archäologische Grabungen bringen manchmal nicht nur Archäologisches zu Tage. So auch in Beckentin, Landkreis Ludwigslust-Parchim, wo 2014 im Vorfeld des Baus der Bundesautobahn A 14 eine weitläufige spätbronzezeitliche und spätslawische Siedlung mit insgesamt sieben Brunnen bzw. Zisternengruben dokumentiert wurde (Forler 2015, Schmidt 2017).

842 v. Chr. gruben sich die Bewohner der Siedlung wieder einmal auf der Suche nach Wasser in die Tiefe. Nach etwa 2 Metern wurden sie fündig: Unter einer fast schwarzen Torfschicht erreichten sie wasserführende Sande, die ergiebig genug schienen, um den Wasserbedarf für die nächsten Jahre zu decken. Ein ausgehöhlter Baumstamm wurde herbeigeschafft und in die Grube eingelassen. Was die bronzezeitlichen Brunnenbauer nicht ahnten: Die Torfschicht, durch die sie sich hindurchgegraben hatten, stammt aus der letzten Zwischeneiszeit (Eem-Warmzeit) vor dem beginnenden Weichselglazial, hat also ein stolzes Alter von etwa 125.000 Jahren (Abb. 1).

Oberflächen aus dieser Zeit sind in Mecklenburg-Vorpommern nur noch äußerst selten nachzuweisen, weil die nachfolgenden Eiszeiten den Bodenaufbau gründlich durcheinandergebracht und alle älteren Spuren ausgelöscht haben. Die etwa 1,40 m starke Torfschicht fand deshalb auch bei den Geologen des Landesamtes für Umwelt, Natur und Geologie (LUNG) und der Universität Greifswald großes Interesse (Siermann 2016, Rother et al. 2017).

Abb. 2: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. In dem Baumstamm zeigt sich, deutlich erkennbar, ein typisches Spechtloch. Foto: LAKD MV/ LA, D. ForlerDetails anzeigen
Abb. 2: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. In dem Baumstamm zeigt sich, deutlich erkennbar, ein typisches Spechtloch. Foto: LAKD MV/ LA, D. Forler

Abb. 2: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. In dem Baumstamm zeigt sich, deutlich erkennbar, ein typisches Spechtloch.

Abb. 2: Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim. In dem Baumstamm zeigt sich, deutlich erkennbar, ein typisches Spechtloch.

Schon während der Ausgrabung 2014 wurden im Sohlbereich der Torfschicht perfekt konservierte Reste aus Flora und Fauna entdeckt, darunter mehrere, parallel ausgerichtete Baumstämme, die sich vermutlich durch Windbruch in dieser Weise abgelagert hatten. Ein Stammabschnitt wurde im Rahmen der Ausgrabung geborgen und als Holzprobe eingelagert. Die Holzart ließ sich als Kiefer bestimmen; mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um die gewöhnliche Waldkiefer (Pinus sylvestris, Bestimmung durch Dr. Tobias Scharnweber, Universität Greifswald).

Bei einer Kontrolle dieser Holzprobe kam jetzt ein besonderes Detail zutage. Das durch den Erddruck linsenförmig gepresste Stammfragment wies eine etwa 6 x 4 cm große, 5 cm tiefe Delle auf, die sich nach ornithologischer Begutachtung als ausgezeichnet erhaltenes Spechtloch erwies (Abb. 2). Angesichts des Alters von etwa 125.000 Jahren dürfte es sich um das älteste erhaltene Spechtloch Mecklenburg-Vorpommerns handeln, vielleicht sogar darüber hinaus.

Spuren menschlicher Aktivitäten ließen sich in der Eem-zeitlichen Torfschicht übrigens nicht nachweisen. Es bleibt also der Fantasie überlassen, ob ein umherstreifender Neandertaler den Specht beim Bau seiner Höhle störte.

Dominik Forler M.A.

P.S.: Das als Überschrift dieses Textes zitierte Sprichwort trifft nur zur Hälfte zu. Bei den Spechten teilen sich Männchen und Weibchen nämlich nicht nur das Brutgeschäft, sondern auch die Meißelarbeit. Deshalb könnte es ebensogut „Nicht schlecht, Frau Specht!“ heißen.

Literatur

Forler 2015: D. Forler, Abschlussbericht zur archäologischen Hauptuntersuchung im Bereich von Beckentin, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 28, Schwerin 2015 (unveröffentlicht; Ortsaktenarchiv des LAKD).

Schmidt 2017: Mit der Autobahn in die Vergangenheit – Archäologische Untersuchungen auf der Autobahn A 14 zwischen dem Autobahnkreuz Schwerin und der Landesgrenze zu Brandenburg. In: W. Karge, T. Taschenbrecker (Hrsg.), Die Autobahn A 14 – Vom Mecklenburgischen ins Brandenburgische., Schwerin 2017, 2-39.

Siermann 2016: N. Siermann, Lithostratigraphy and paleoecology of suspected last interglacial (Eemian) peat deposits at Beckentin (SW-Mecklenburg), Masterarbeit Universität Greifswald 2016.

Rother et al. 2017: H. Rother, S. Lorenz, A. Börner, M. Kenzler, N. Siermann, A. Fülling, A. Hrynowiecka, D. Forler, V. Kuznetsov, F. Maksimov, A. Starikova, The terrestrial Eemian to late Weichselian sediment record at Beckentin (NE-Germany): First results from lithostratigraphic, palynological and geochronological analyses. – Quaterny International 30, 2017. 1–19.

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