Dame mit Perlen - Ein völkerwanderungszeitliches Grab bei Steinfurth, Lkr. Vorpommern-Greifswald

Fund des Monats Dezember 2020

Abb. 1: Steinfurth, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Perlenkette und Fibeln während der Freilegung. Details anzeigen
Abb. 1: Steinfurth, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Perlenkette und Fibeln während der Freilegung.

Abb. 1: Steinfurth, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Perlenkette und Fibeln während der Freilegung.

Abb. 1: Steinfurth, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Perlenkette und Fibeln während der Freilegung.

In der Gemarkung Steinfurth, Landkreis Vorpommern-Greifswald, waren schon beim Bau der OPAL-Gasleitung umfangreiche Rettungsgrabungen notwendig. Im Sommer 2018 mussten die Arbeiten im Rahmen des EUGAL-Gasleitungsprojektes fortgesetzt werden. Dabei kamen weitere 227 Befunde zutage, darunter bronze- und eisenzeitliche Siedlungsspuren sowie eisenzeitliche Brandgräber.

Eine eher unscheinbar wirkende Verfärbung erschien zunächst wie eine der zeittypischen, zylindrischen Vorratsgruben. Erste Bronzespuren ließen aber auf einen besonderen Befund schließen. Ein zweites Planum zeigte dann, dass es sich tatsächlich um ein langovales, annähernd N/S-orientiertes Körpergrab von etwa 1,70 m Länge und 0,55 m Breite handelte.

Das Skelett war bis auf ein Fragment des rechten Unterkiefers vollständig vergangen. An ihm ließ sich aber immerhin noch feststellen, dass er von einem vermutlich weiblichen Individuum stammte, das an Parodontose litt und im Alter von 20 bis 40 verstarb (Bestimmung: Annemarie Schramm M.A., LAKD M-V/LA). Im Sohlbereich der Grabgrube (0,5-0,6 m Tiefe) kamen mehrere überaus bemerkenswerte Funde zum Vorschein. Im Nordteil der Grube, also im ursprünglichen Brustbereich der Toten, lag ein Scheibenfibelpaar, verbunden durch eine vielteilige Glasperlenkette (Abb. 1). Etwa in der Befundmitte kam eine Gürtelgarnitur aus eiserner Schnalle und bronzener Riemenzunge zutage. Die Verteilung der Funde in der Grube bestätigte die Vermutung, dass es sich um ein Körpergrab handelte.

Das Schmuckensemble aus Glasperlenkette und Scheibenfibeln wurde im Block geborgen und in der Restaurierungswerkstatt von Johanna Pröbstle, LAKD M-V/LA, freigelegt (Abb. 2). Die Kette bestand aus 132 Glasperlen, 34 davon polyedrisch geformt und aus blauem Glas hergestellt, zwei von runder Form und aus grünem Glas gefertigt. Die anderen Perlen sind unregelmäßig rundlich bzw. scheibenförmig. 42 von ihnen bestehen aus gelbem, 54 aus rötlichbraunem Glas (Abb. 3). Die Kette war nicht eindeutig mit den Fibeln verbunden, die Lage im Befund zeigt aber, dass sie zwischen den Fibeln drapiert war. Auch die Anordnung der Perlen auf der Kette ließ sich anhand des Befundes rekonstruieren (Abb. 4).

Die beiden Scheibenfibeln bestehen aus Bronze oder Messing. Das hauchfeine Blech war schon stark angegriffen, insbesondere die schauseitige, verzierte Pressblechauflage ist vermutlich durch neuzeitlichen Einsatz von Bodendünger stark in Mitleidenschaft gezogen. Die hohlen Fibeln, bestehend aus Rahmenkonstruktion sowie schauseitigem Deckelblech und Bodenblech, haben einen Durchmesser von etwa 5 cm. Auf ihrer Rückseite ist eine Nadel mit kurzer Spiralkonstruktion angebracht. Das Pressblech der Schauseite weist eine Punzverzierung aus konzentrisch angeordneten Sparrenmustern auf, wobei das Zentrum aus einem ursprünglich wohl leicht erhabenen Buckel bestand (Abb. 5).

Die Gürtelgarnitur besteht aus einer ovalen Eisenschnalle mit kleinem, rechteckigen Beschlag und vorne verdicktem, überlangem Dorn und einer amphoraförmigen, bronzenen Riemenzunge.

Auf der Rückseite der Fibeln sowie der Riemenzunge hatten sich, ausgezeichnet konserviert durch Metallsalze, Reste von Textilien mit Leinwandbindung und Z-Drehung erhalten (Abb. 6). Laut Bestimmung durch Christina Peek M. A. vom Niedersächsischen Institut für Historische Küstenforschung in Wilhelmshaven handelte es sich um mehrschichtige Gewebestrukturen einer Leinwandbindung mit erkennbaren Kett- und Schussgarnen einer geschlossenen Oberfläche. Das Material war eindeutig Flachs. Die Textilreste gehörten zu einem vermutlich peplosartigen Kleid, welches durch die Fibeln und die Gürtelgarnitur geschmückt und verschlossen wurde.

Nach einer Analyse des Fundmaterials durch von Dr. Hans-Ulrich Voss, Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, gehört das Kettengehänge zusammen mit den Fibeln in den Niemberg-C-Horizont bzw. im Norden in den Nydam-Fibel-Horizont und datiert in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts, also in die frühe Völkerwanderungszeit. Die amphoraförmige Riemenzunge bestätigt diese zeitliche Einordnung. Die besten Parallelen für die Kette stammen aus Mitteldeutschland, während die Fibeln und die Riemenzunge Entsprechungen im Elb-Weser-Dreieck und dem sächsischen Raum finden.

Norbert Kuhlmann M.A.

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