HERMANNVS - Wem gehörte das Petschaft aus Jarnitz auf Rügen?

Fund des Monats September 2020

Abb. 1: Jarnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Petschaft (Vorderseite links, Rückseite mit Ritzung rechts).Details anzeigen
Abb. 1: Jarnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Petschaft (Vorderseite links, Rückseite mit Ritzung rechts).

Abb. 1: Jarnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Petschaft (Vorderseite links, Rückseite mit Ritzung rechts).

Abb. 1: Jarnitz, Lkr. Vorpommern-Rügen. Petschaft (Vorderseite links, Rückseite mit Ritzung rechts).

Vor nun fast 7 Jahren wurde als Fund des Monats ein Petschaft­bruchstück des letzten Rügenfürsten Wizlaw III. durch J. Ansorge vorgestellt1, ein eindrückliches Zeugnis für das Ende der Wizlawiden-Dynastie im frühen 14. Jahrhundert. Ein Neufund aus dem Jahr 2020 macht deutlich mehr Schwierigkeiten bezüglich Interpretation und Einordnung als das für sich sprechende Fürstensiegel. Und doch deutet bei dem neuen Fund einiges auf einen engen Zusammenhang mit dem Geschlecht der Wizlawiden hin.

Bei einer Feldbegehung auf der Insel Rügen im Januar 2020 entdeckte die Bodendenkmalpflegerin Nora Merker (Baabe) in der Gemarkung Jarnitz Fpl. 59, Lkr. Vorpommern-Rügen, in einer Fundstreuung östlich der Ortslage eine flache Scheibe aus Blei, die sie als Siegelstempel erkannte. Das runde, scheibenförmige Petschaft2 aus Blei (Abb. 1; Dm. 3,6 cm, H. 0,5 cm, Gewicht 47,8 g) zeigt mittig auf der Vorderseitig ein eingetieftes, nimbiertes Tatzenkreuz. Linksseitig an einem Kreuzbalkenende ist eine Rille erkennbar. Der umlaufende Schriftzug + HERMANNVS ist nur teilweise spiegelverkehrt ausgeführt und zwar in Majuskeln (d.h. Großbuchstaben). Auf der Rückseite sind ein X und ein Kreuz eingeritzt. Der vorliegende Petschafttyp mit der (abgebrochenen) Randöse bzw. mit dem Fortsatz anstatt einer rückwärtigen Öse repräsentiert eine meist in das 11. und 12. Jahrhundert datierte Form.

Auch die Ausführung der Buchstaben des Jarnitzer Siegelstempels ist vom gesamten Erscheinungsbild her noch nicht als gotische, sondern noch als romanische Majuskel anzusprechen. Deshalb wird von einer Datierung nach dem Schriftbild vom Ende des 12. bis in die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts ausgegangen3. Das HERMANNVS-Petschaft stammt aus einer Agglomeration von slawisch-frühdeutschen Siedlungsresten östlich der heutigen Ortslage Jarnitz. Der Ort selbst wird ab 1338 als Iaronitze bzw. Yernitze und zum Kloster Bergen gehörig genannt4. In ca. 1,5 km nördlicher Richtung liegt mit Ralswiek der Propsteisitz und Haupthof der rügischen Tafelgüter des Bischofs von Roskilde, zu dessen Bistum die Insel Rügen kirchenrechtlich nach der Eroberung Arkonas 1168 bis zur Reformation gehörte5. Rund 4,3 km südlich vom Fundort entfernt liegt die Hauptburg der Wizlawiden auf dem Rugard bei der heutigen Stadt Bergen. Damit befindet sich der Fundort des Typars quasi auf einer geographischen Achse zwischen den beiden Zentren wirtschaftlicher, geistlicher und weltlicher Macht auf Rügen.

Die Inschrift "HERMANNVS", der eine Erläuterung zur familiären Herkunft oder Funktion fehlt und die noch nicht einmal das übliche "S" für Sigillum (Siegel) enthält, erscheint im Vergleich mit den bisher in Mecklenburg-Vorpommern bekannten Petschaften ungewöhnlich. Während im 11. und 12. Jahrhundert der Name des Siegelführers noch im Nominativ genannt wurde, änderte sich dies erst um 1200, was viele Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern belegen. Der Zusatz der aus England über Flandern kommenden Formulierung Sigillum oder abgekürzt "S", mit dem Namen des Siegelträgers im Genitiv, setzte sich zunehmend durch6.

Will man die Frage nach dem Siegelführenden des Jarnitzer Typars beantworten, ist die Suche in Urkunden der Zeit um 1200 und vor allem deren Interpretation erforderlich. Die Zahl der Urkunden um 1200 aus dem Umfeld der rügischen Fürsten ist überschaubar klein. Ein Mann namens Hermannus wird 1193 in der Dotationsurkunde des Fürsten Jaromar I. für das neu gegründete Nonnenkloster Bergen als Zeuge genannt7.

Aus historischer Sicht gibt es nach Zusammenschau der Quellen noch eine gewisse Unsicherheit, ob der 1193 als Propst (prepositus), also in einem klösterlichen Umfeld, genannte Hermannus und der in den 1220er Jahren als Landpropst erwähnte Hermannus ein und dieselbe Person waren oder ob es sich um unterschiedliche Personen handelte. Der Landpropst verkörperte die regionale Mittelinstanz der Diözesanverwaltung zwischen der bischöflichen Zentralgewalt in Roskilde und den lokalen Pfarrgeistlichen. Auf der Insel Rügen richtete sich der Titel dieser Verwaltungsgeistlichen nach dem Vorbild in Dänemark. Die beiden zwischenzeitlichen Erwähnungen Hermannus´, nämlich 1207 als Notar und 1209 ohne Funktionstitel, sprechen zumindest nicht explizit gegen eine durchgehende Identität und Funktion als Landpropst von 1193 bis 1225.

Leider lässt auch das Fehlen der Funktionsbeschreibung auf dem Jarnitzer Typar die Frage nach der Funktion des Siegelführenden im wahrsten Sinne offen. Immer aber wird Hermannus im Umfeld des Fürsten Jaromar genannt, wie auch seine Brüder Thomas als Kaplan der fürstlichen Hofkirche und Werner als Ritter. Dem Namen nach waren es also deutsche Adlige in fürstlichem Dienst.

Umschriften auf Münzen des hohen Mittelalters geben die Namen des Münzherrn in der Regel im Nominativ wieder, was ja auch auf Siegelstempel der Zeit bis 1200 oder kurz danach zutrifft. Die Gestaltung mit Namensumschrift und Trennungskreuz sowie das nimbierte Kreuz als zentrales Motiv auf dem Jarnitzer Petschaft sind auf einigen frühen Brakteaten (Abb. 2) zu finden, die ab 1200 unter Fürst Jaromar entstanden sind. Prägeort soll Gora (die slawische Urform für Bergen) gewesen sein, aber über die Einzelheiten der Münzprägung und deren Organisation am rügenschen Fürstenhof dieser Zeit ist nur wenig bekannt8. Immerhin stehen sich das Schneiden von Siegelstempeln und Prägestempel für Münzen technologisch sehr nahe. Es ist vorstellbar, dass hinter der identischen Gestaltung von Münzen des Fürsten und des Jarnitzer Petschafts besondere persönliche oder dienstliche Verbindungen aufscheinen9. Die Gestaltung der Siegelfläche vereint offenbar nicht zufällig das christliche Kreuzsymbol mit dem fürstlichen Repräsentations- und Rechtfertigungsanspruch, der sich auf den Münzen offenbart.

Die zeitliche Einordnung macht das Petschaft von Jarnitz zu einer der ältesten bzw. vielleicht sogar zur ältesten, die bisher in Mecklenburg-Vorpommern gefunden worden ist. Mit dem Siegelträger HERMANNUS wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Persönlichkeit mit verantwortlicher Stellung am rügischen Fürstenhof greifbar – und dies nur knapp 30 Jahre nach der Eroberung Arkonas (1168) durch König Waldemar. Dieser Geistliche hatte als Vertreter des Bischofs von Roskilde und fürstlicher Beauftragter vermutlich seinen Anteil an der standesgemäßen Integration und Etablierung des noch jungen Fürstentums Rügen in die Reihe seiner benachbarten Dynastien10.

Dr. C. Michael Schirren


2 Der Fund ist unter der Inv. Nr. ALM 2020/13 im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern erfasst.

3 Für Diskussion, wichtige Hinweise und Erläuterungen sei Jürgen Herold M.A. (wissenschaftlicher Mitarbeiter der Greifswalder Forschungsstelle der Göttinger Akademie zur Erfassung der Inschriften des Landes Mecklenburg-Vorpommern), Dr. Harald Drös (Forschungsstellenleiter Deutsche Inschriften des Mittelalters [DI] der Heidelberger Akademie der Wissenschaften), Dr. Bengt Büttner (Marburg), Dr. Jörg Ansorge (Horst), Dr. Ralf Wiechmann, Museum für Hamburgische Geschichte, Dr. Heiko Schäfer (LAKD M-V) und Dr. Isabelle Guerreau, Niedersächsisches Landesarchiv, Standort Osnabrück, herzlich gedankt.

4 Hermann Hoogeweg, Die Stifter und Klöster der Provinz Pommern. Stettin 1924, 143 f.

5 Bengt Büttner, Die Pfarreien der Insel Rügen. Von der Christianisierung bis zur Reformation. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern, Reihe V: Forschungen zur pommerschen Geschichte, Bd. 42 (Köln / Weimar / Wien 2007), 115 f.

6 Hierzu Wolfgang Krauth: https://www.leo-bw.de/themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archivalienelemente/siegel ; Beispiele für die Durchsetzung des Siggelum-Typs vom 11.-bis 12. Jahrhundert siehe auch: Manfred Groten, Vom Bild zum Zeichen. Die Entstehung korporativer Siegel im Kontext der gesellschaftlichen und intellektuellen Entwicklungen des Hochmittelalters. In: Markus Späth (Hrsg.), Die Bildlichkeit korporativer Siegel im Mittelalter. Kunstgeschichte und Geschichte im Gespräch (Köln 2009) , 65-88 (hier 76 ff).

7 PUB I 123 … scilicet presbiteri: Hermannus prepositus, Jacobus, Bo eiusdem ecclesie provisores, Calamannus capellanus noster, Jordanus presbiter

8 PUB I Nr. 124 enthält den Hinweis auf Martinus monetarius als Münzmeister des rügenschen Fürsten um 1200.

9 Bent Büttner, Rügen und Dänemark. Die kirchlichen Verbindungen bis zur Reformation, in: Irmfried Garbe und Nils Jörn (Hrsg.), Insel im pommrischen Meer. Beiträge zur Geschichte Rügen. Greifswald 2011, S. 67-84 (zur rügischen Landpropstei S. 76 f.).

10 Eine ausführliche Bearbeitung des Siegelstempels für das Jahrbuch Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern ist in Vorbereitung.


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