„Hünengrab im Schnee“… oder was ein Gemälde von Caspar David Friedrich über die Geschichte der Denkmalpflege und Archäologischen Forschung erzählen kann

Fund des Monats Januar 2026

Abb. 1: Caspar David Friedrich, Hünengrab im Schnee. 1807, Öl auf Leinwand, 61,5 x 80 cm; Albertinum, Gal.-Nr. 2196Details anzeigen
Abb. 1: Caspar David Friedrich, Hünengrab im Schnee. 1807, Öl auf Leinwand, 61,5 x 80 cm; Albertinum, Gal.-Nr. 2196

Abb. 1: Caspar David Friedrich, Hünengrab im Schnee. 1807, Öl auf Leinwand, 61,5 x 80 cm; Albertinum, Gal.-Nr. 2196

Abb. 1: Caspar David Friedrich, Hünengrab im Schnee. 1807, Öl auf Leinwand, 61,5 x 80 cm; Albertinum, Gal.-Nr. 2196

Was wäre besser zum Fund des Monats Januar 2026 geeignet als das Bild eines Großsteingrabes im Schnee, umgeben von hohen, blattlosen Eichen und umflogen von einigen Raben. Dazu die dunkle, grau-blaue Farbpalette, ein atmosphärisches Restlicht und ein diffus nebelverhangener Hintergrund. Ein Wintertag wie gemalt, datiert etwa auf den Zeitraum um/nach 1807. Es gilt als ältestes oder zumindest eines der ersten von Caspar David Friedrich (1774-1840) geschaffenen Ölgemälde (Abb. 1). Grundlage waren zahlreiche Zeichnungen eines Steingrabes, aber auch die im Bild dargestellten Eichen lassen sich in Skizzenblättern der Zeit zwischen 1802 und 1809 finden1.

Glücklichen Umständen verdanken wir die Erkenntnis, dass der Schauplatz des Gemäldes in der Nähe der vorpommerschen Kleinstadt Gützkow zu verorten ist. Schon 1755 schrieb der Greifswalder Professor Albert Georg Schwartz in seiner „Diplomatischen Geschichte der Pommersch-Rügischen Städte“, dass sich „…nahe vor Gützkow…“ ein „…Opferaltar…“ befände (Schwartz 1755). Der einstmalige Besitzer des Ölgemäldes, Karl Schildener (1777-1843), Rechtsgelehrter und zeitweiliger Rektor der Universität Greifswald, nannte das Bild eine „…altvaterländische Szene“ und berichtet außerdem: „Dies Grabmal war bey Gützkow und von besondrer Art. Herr Dr. Quistorp erzählt davon Folgendes, was ich für die Freunde der vaterländischen Alterthumskunde hier mittheilen will: Der große, etwa 12 Fuß lange, 7 Fuß breite, und 5 Fuß dicke obere Deckstein des Grabes ruhte auf vier, nur etwa einen Fuß hoch aus der Erde hervorstehenden Steinen, welche (wie bey solchen Gräbern gewöhnlich) unten tief in der Erde die vier Wände des Grabes bildeten. Die Grube war ganz mit dem Acker gleich, voll Erde, und der Zwischenraum zwischen dieser und der unteren Fläche des Decksteins so niedrig, daß ich, der ich schmal bin, nur mit Mühe unter durchkriechen konnte. Als Friedrich das Grab zeichnete, lag ich oben auf dem Decksteine und rauchte ein Pfeifchen, und so hat er mich auch in sein Studienbuch mitaufgenommen. Was in dem Grabe sich befunden, als dessen Steine weggesprengt und anderwärts verwendet sind, habe ich bey vielfältiger Erkundigung nicht erfahren können. Als ich 1779 einmal in Mecklenburg zwischen Güstrow und Sternberg auf dem Lande war, wurde mir von einem ähnlichen Grabe der Gegend erzählt, daß dessen Deckstein zerschlagen gefunden worden und ein Schäfer behauptet hätte, der Blitz habe darein geschlagen – das Grab habe man sodann aufgegraben und gefunden, daß es etwa 3 Fuß tief, der Fußboden mit kleinen Feldsteinen ausgedämmt gewesen, in der Mitte eine Urne gestanden habe, die oben mit einem glatten dünnen Steinstück zugedeckt, einige verbrannte Knochenstücke und Asche enthalten und neben welcher zwey Todtenköpfe gelegen (vielleicht von geopferten Gefangenen). Uebrigens wäre die Grube ganz mit Erde verschüttet gewesen“ (zitiert aus Schildener 1828).

Abb. 2: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im heutigen Kartenbild.Details anzeigen
Abb. 2: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im heutigen Kartenbild.

Abb. 2: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im heutigen Kartenbild.

Abb. 2: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im heutigen Kartenbild.

Offensichtlich war der in Greifswald als Architekt und Zeichenlehrer Caspar David Friedrichs wirkende Johann Gottfried Quistorp (1777-1835) nicht nur oberflächlich am Motiv interessiert. Denn er beschrieb die Steinkonstruktion als Grab und nicht, wie zuvor A. G. Schwartz, als heidnischen Altar. Außerdem wies er auf die spätere Zerstörung des Monuments hin. Sein antiquarisches Interesse an den dabei von ihm vermuteten Funden weist ihn zudem als umfassend gebildeten Zeitgenossen aus. Das Interesse gebildeter Kreise an einheimischen Altertümern sollte in den folgenden Jahrzehnten vielerorts zur Gründung historischer Vereine und systematischer Sammlungen führen. Zusammen mit den Skizzen sind Quistorps Beobachtungen eine seltene Möglichkeit, uns den Zustand oberirdischer Bodendenkmale kurz nach 1800 zu vergegenwärtigen. Die Skizzen zeigen die freierodierte Steinkonstruktion der Kammer, schon ohne deren Zwickelfüllungen. Die Lage des noch in situ befindlichen, gewaltigen Decksteins erscheint im wahrsten Sinne des Wortes unausgewogen. In einigen der Skizzen sind unmittelbar neben ihm zwei Tragsteine und ein vermutlich schon abgerutschter Deckstein dokumentiert. Vermutlich war die Kammer (ein Großdolmen?) also ursprünglich von zwei Decksteinen überwölbt. Insgesamt bot sich kurz nach 1800 schon ein – auch aus heutiger Sicht – denkmalpflegerisch unbefriedigender Zustand. Die schwache Andeutung eines Hügels lässt auf eine ursprünglich vorhandene, vielleicht sogar vollständige Erdabdeckung schließen. Die Anlage war offenbar am spärlich bewirtschafteten, wohl als Weide dienenden Feldrain gelegen. Der Ort ist heute unter Fundplatz 16 der Gemarkung Gützkow im Gelände als unordentlicher, mit Büschen bewachsener Steinhaufen unmittelbar an der B 111 identifiziert (Abb. 2). Im Messtischblatt von 1937 befindet sich an derselben Stelle noch eine Weggabelung (Abb. 3).

Abb. 3: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im historischen Kartenbild.Details anzeigen
Abb. 3: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im historischen Kartenbild.

Abb. 3: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im historischen Kartenbild.

Abb. 3: Gützkow, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage des nicht mehr vorhandenen Großsteingrabes (roter Punkt) im historischen Kartenbild.

Was die drei Eichenbäume betrifft, so erscheinen sie auch dem heutigen Betrachter vielleicht als unvermeidliche Elemente des Erscheinungsbildes dieses oder anderer Großsteingräber in Norddeutschland. Tatsächlich sind sie aber arrangierte und im Ölgemälde inhaltlich bewusst gewählte Zutat des Künstlers. Denn auf den zeitlich vorangegangenen Skizzen ist die Umgebung des Hünengrabes noch baumlos. Die kunsthistorische Forschung hat die Bäume mit den Megalithen u. a. als sinnbildliche Codes des Patriotismus´ Caspar David Friedrichs gedeutet, gegen das aufstrebende französische Kaiserreich unter Napoleon Bonaparte gerichtet (Grave 2016). Aber auch die Wiederentdeckung der norddeutschen Landschaft und ihrer Altertümer als einheimisches Arkadien quasi als Gegenkonzept zur klassischen Antike mag der Motivwahl zu Grunde liegen. So waren Dichtungen eines vermeintlich altkeltischen Barden mit Namen Ossian nach dem Erscheinen 1760 auf große Resonanz bei Adel und Bürgertum gestoßen. Als bekannt wurde, dass es sich um Eigenschöpfungen des Schotten James Macpherson (1736-1796) handelte, tat dies der Begeisterung für diese weiterhin als alteuropäisch-keltisch angesehenen Dichtung keinen Abbruch. Vielmehr scheint sie ein Zeitgefühl und einen mystifizierenden Blick auf Altertümer sogar befördert und manifestiert zu haben. In einem 1798 publizierten (aber wohl schon 1778 verfassten) und weit verbreiteten Gedicht „Das Hünengrab“ von Ludwig Gotthard Kosegarten (1758-1818) heißt es:

Über die vier moosbewachsnen Steine,
Über die drey rauschenden Eichen
Fried' und Ruh!
Die ihr schlummert drunten,
Helden, Herrliche,
Schlummert sanft,
die ihr sanket in der blutigen Schlacht!

Kosegarten, bis 1808 Pfarrer in Altenkirchen auf Rügen, danach Professor in Greifswald, und der Maler Friedrich kannten sich wohl über J. G. Quisdorp persönlich, ja sie wurden von Zeitgenossen in einem Atemzuge genannt. Der eine als Dichter und der andere als Maler Rügens, einer künstlerisch geradezu sakralisierten Landschaft mit Megalithen, Opferaltären, Eichenhainen und ursprünglicher Natur. Herzog Karl August Herzog von Sachsen-Weimar und Eisenach und seine Frau Luise erwarben im Jahr 1808 auf Vermittlung von Johann Wolfgang von Goethe die Sepia-Zeichnung „Hünengrab am Meer“ (heute in der Klassik-Stiftung Weimar). Auch dieses Blatt erscheint, wie das Ölgemälde des Gützkower Grabes, als Collage eines realen megalithischen Monuments (vermutlich bei Nobbin auf Rügen) und fiktionaler Naturdarstellung. Die Eichen tauchen in Skizzenbüchern Friedrichs einzeln und anderswo verortet auf, ja selbst die Nähe zum aufgewühlten Meer erscheint komponiert. Offenbar sahen der Künstler und sein Publikum den Kontext von uraltem, heidnischem Hünengrab und sturmzerzausten Eichen als sinnbildlich-idealtypischen Zustand mit besonderem Symbolwert. Doch war der Denkmalschutzgedanke Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht so weit entwickelt, dass man die Durchwurzelung der Steinkonstruktion auch als Gefahr für die Standfestigkeit des Monuments erkannte. Vielleicht wirkt der Mystizismus bis in die Gegenwart. Rund 200 Jahre später wurden in den 2000er Jahren z.B. einige der durchaus dekorativen Eichen auf den Megalithgräbern von Lancken-Granitz auf Rügen gefällt. Dem waren lange, emotionale Diskussionen zwischen Naturschutz, Biosphärenreservat und Denkmalpflege vorausgegangen. Am Ende entschied man zu Gunsten des langfristigen Erhalts 5500 Jahre alter Steinarchitektur.

Die von Quistorp erwähnte Zerstörung des Gützkower Grabes erfolgte wohl wenige Jahre nachdem er und Caspar David Friedrich dort gewesen waren. Gützkows Bürgermeister Johann Balthasar Pütter (1751–1818), offensichtlich eher pragmatisch als ossianisch gesinnt, soll den Auftrag zur Sprengung des Steingrabes und dessen ökonomischer Nutzung als Baumaterial gegeben haben. In Mecklenburg hätte man solchen Frevel zur gleichen Zeit wohl nicht so ohne Weiteres geduldet, denn Herzog Friedrich Franz (reg. 1785-1837) schuf schon mit seinen 1804 und 1836 herausgegebenen Verordnungen rechtliche Grundlagen des Denkmalschutzes, wenn er z.B. das Ausgraben von Steinen an heidnischen Denkmälern verbot. In Pommern fehlte zu dieser Zeit ein prominenter Fürsprecher zum Schutz der Monumente. Immerhin aber erließ die Universität Greifswald 1823 für ihre Ländereien eine Schutzverordnung für vorgeschichtliche Monumente und begann gleichzeitig mit dem systematischen Sammeln einheimischer Altertümer (zur Insel Rügen zuletzt: Leube 2021). Eine Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde wird 1824 gegründet. Und der Greifswalder Universalgelehrte Friedrich von Hagenow (1797-1865) schuf mit seiner „Special Charte der Insel Rügen“ im Jahr 1829 ein richtungsweisendes Dokument zur Bestandsdokumentation bereits zerstörter und noch erhaltener archäologischer Denkmäler.

Capar David Friedrich ist bis heute bekannt als Maler der Eichen, Hünengräber, Ruinen und mystischen Landschaften. In welchem Maße seine Bilder einen verschlüsselten Patriotismus oder seelische Zustände darstellen, beschäftigt die kunstgeschichtliche Forschung nach wie vor (zuletzt Birkholz 2024). Der geniale Hamburger Graphiker Horst Janssen dichtete 1974, im zweihundersten Geburtsjahr des Malers Friedrich, über diesen und seinen Zeitgenossen, den ebenfalls gebürtigen Pommern und Maler Philipp Otto Runge, dagegen ziemlich respektlos:

Der Caspar David Friederich
das war ein schlimmer Nutzerich
er riss den Eichen rund ums Haus
die Lindenblätter einzeln aus
zu gerne malte er die kahl
kahl malt´ er sie wohl hundertmal
nicht nur im Winter, wenn es schneit
nein - auch zur grünen Sommerzeit

Es stand ein Herr bei Dämmerung
versunken in Beobachtung
von hinterrücks heran sich schlich
der Caspar David Friederich
rief plötzlich dann aus voller Lunge
"Ei guten Morgen, lieber Runge!"

Dem Runge setzt´ der Herzschlag aus
er musste gleich ins Krankenhaus.
An seinem Bett sitzt Friederich
und tut grad´ so, als schämt´ er sich
doch in Gedanken malt´ er ab
den Kissenberg als Hünengrab.

Dr. C. Michael Schirren


Fußnoten

1 Dr. Holger Birkholz, Kurator der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, sei herzlich für Hinweise zum Werk Caspar David Friedrichs gedankt.

Literatur

Holger Birkholz, „Solange wir Fürstenknechte bleiben“. Caspar David Friedrichs politische Haltung. In: Holger Birkholz, Petra Kuhlmann-Hodnick, Stephanie Buck und Hilke Wagner (Hrsg.), Caspar David Friedrich. Wo alles begann. Dresden 2024, 248-255.

Johannes Grave, Ästhetische Opposition gegen Napoleon. Caspar David Friedrich, der Dresdener Romantiker-Kreis und der Weimarer Hof. In: Andrea Pühringer (Red.), Napoleon und die Romantik – Impulse und Wirkungen. Marburg 2016, 37-57.

Friedrich von Hagenow, Special Charte der Insel Rügen nach den neuesten Messungen unter Benutzung aller vorhandenen Flurkarten entworfen und seiner Majestät dem Könige Friedrich Wilhelm III allerunterthänigst zugeeignet https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b53119299d

Ludwig Gotthard Kosegarten, Poesien. Bd. 1. Leipzig 1798.

Achim Leube, Die Insel Rügen und die Erforschung ihrer vorgeschichtlichen Denkmäler, 1800 bis 1860, in: Germanisches Nationalmuseum, Ingo Wiwjorra und Dietrich Hakelberg (Hrsg.): Archäologie und Nation: Kontexte der Erforschung „vaterländischen Alterthums“. Zur Geschichte der Archäologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz, 1800 bis 1860. Heidelberg: arthistoricum.net, 2021, 283–298. https://doi.org/10.11588/arthistoricum.801.c11990

Carl Schildener, Nachrichten über die ehemaligen und gegenwärtigen Kunst- und sonderlich Gemälde-Sammlungen in Neuvorpommern und Rügen. Greifswalder Akademische Zeitschrift 2, Heft 2, 1828, 24, 25, 40-43.

Otto Schmitt, Ein Skizzenblatt C. D. Friedrichs im Wallraf-Richartz-Museum. Westdeutsches Jahrbuch für Kunstgeschichte 11, 1939, 290–295.

Albert Georg Schwartz, Diplomatische Geschichte der Pommersch-Rügischen Städte schwedischer Hoheit nach ihrem Ursprung und erster Verfassung, nebst angehängter Historie der Pommerschen Grafschaft Gützkow. Greifswald 1755.

Gerd Spitzer, Hünengrab im Schnee. 1807. In: Gerd Spitzer (Hrsg.), Caspar David Friedrich in den Dresdener Galerien. Dresden 2010, 30.

2026 - Funde des Monats

2025 - Funde des Monats

2024 - Funde des Monats

2023 - Funde des Monats

2022 - Funde des Monats

2021 - Funde des Monats

2020 - Funde des Monats

2019 - Funde des Monats

2018 - Funde des Monats

2017 - Funde des Monats

2016 - Funde des Monats

2015 - Funde des Monats

2014 - Funde des Monats

2013 - Funde des Monats

2012 - Funde des Monats

2011 - Funde des Monats

2010 - Funde des Monats

2009 - Funde des Monats

2008 - Funde des Monats

2007 - Funde des Monats