Überraschung aus der Vitrine: Eine Axt und ein Schädel vom Hauptmannsberg bei Carwitz im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte

Fund des Monats März 2026

Es ist schon sehr vermessen, 1930 und 1935 entdeckte Funde fast 100 Jahre später als „Fund des Monats“ zu deklarieren, aber in diesem Fall gibt es triftige Gründe dafür. Und die Geschichte ist symptomatisch für vieles, was über Umwege in eine wissenschaftliche Sammlung gelangt und erst dort seine große Bedeutung offenbart.

Angefangen hatte alles damit, dass der Landesarchäologie Mecklenburg-Vorpommern eine kleine Sammlung an Steingeräten und ein Schädel angeboten wurden, die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zusammengetragen worden waren und teilweise aus Mecklenburg stammen. Sie lagen viele Jahrzehnte dekorativ in einer Vitrine in der guten Stube und sollten nun wieder in die Heimat zurück. Für drei dieser Stücke war nicht nur der Fundort ziemlich genau angegeben, sondern auch eine mit Anekdoten gespickte Fundgeschichte übermittelt.

Abb. 1: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Der bei der Sandgewinnung am oder auf dem Hauptmannsberg entdeckte Frauenschädel.Details anzeigen
Abb. 1: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Der bei der Sandgewinnung am oder auf dem Hauptmannsberg entdeckte Frauenschädel.

Abb. 1: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Der bei der Sandgewinnung am oder auf dem Hauptmannsberg entdeckte Frauenschädel.

Abb. 1: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Der bei der Sandgewinnung am oder auf dem Hauptmannsberg entdeckte Frauenschädel.

Familie Grawert hatte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Domizil im Hullerbusch bei Carwitz, im heutigen Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Die Zuwegung war löcherig und so nutzten Bauern Kies vom Hauptmannsberg, um diesem misslichen Umstand Abhilfe zu verschaffen. In den Aufzeichnungen ist explizit vom Hauptmannsberg die Rede, obwohl eine Seitenentnahme direkt am Weg deutlich einfacher gewesen wäre und auch dort noch heute Spuren früherer Sandgruben sichtbar sind. Ob nun am Hang oder direkt oben auf dem Hügel – fest steht, dass beim Graben eine Steinaxt, ein Schädel (Abb. 1) und an diesem eine „Pfeilspitze“ entdeckt wurden, die Theodor Grawert käuflich erwarb. Ein gewisser Rudolf Ditzen, also kein Geringerer als der Schriftsteller Hans Fallada, soll nach der Legende ebenfalls Interesse an der Axt bekundet haben, doch gelangte sie – vielleicht wegen besserer finanzieller Argumente – zum Hullerbusch. Der Schädel hing noch ein Jahr mehr oder weniger repräsentativ in der Scheune des Amtsvorstehers Schulz in Carwitz und kam erst 1936 in die Grawertsche Sammlung, als das Museum Neustrelitz sein Desinteresse bekundet hatte. Offenbar war die Kunde, dass an dem Kopf eine Pfeilspitze lag, nicht bis zum Heimatforscher Walter Karbe gelangt, sonst wäre er aufmerksam geworden. Denn trotz seiner Kurzsichtigkeit, die ihn seiner Biografin Annalise Wagner nach „zum Zölibat“ zwang, hat er doch eine erstaunliche Menge kleiner und kleinster Feuersteingeräte selbst gefunden und sie richtig der mittleren Steinzeit, bei ihm „Bibervolk“ genannt, zugeordnet. Archaisch anmutende Geräte von der Sprockwitz, also nur wenige Kilometer vom Hullerbusch entfernt, brachte er sogar mit den „Urmenschen“ in Verbindung. Wahrscheinlich hat er gar nicht von dem Fund erfahren, denn im Verzeichnis der „Altertümer und Petrefakten in Privatbesitz“, das sich heute im Karbe-Wagner-Archiv befindet, werden die Funde nicht erwähnt. Die Mikroklinge (Abb. 2), denn um eine solche handelt es sich bei der „Pfeilspitze“, wäre von ihm sicher als mesolithisches Artefakt identifiziert und der Fund in seiner Bedeutung erkannt worden. Dies ist mittlerweile nebensächlich, denn nun befinden sich Axt, Schädel und Mikroklinge mit der Inventarnummer ALM 2025/106 im Fundarchiv der Landesarchäologie Mecklenburg-Vorpommern, wo sie auch hingehören und künftigen Forschungen zur Verfügung stehen.

Abb. 2: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Die angeblich an dem Schädel gefundene „Pfeilspitze“ ist tatsächlich eine Mikroklinge.Details anzeigen
Abb. 2: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Die angeblich an dem Schädel gefundene „Pfeilspitze“ ist tatsächlich eine Mikroklinge.

Abb. 2: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Die angeblich an dem Schädel gefundene „Pfeilspitze“ ist tatsächlich eine Mikroklinge.

Abb. 2: Carwitz, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. Die angeblich an dem Schädel gefundene „Pfeilspitze“ ist tatsächlich eine Mikroklinge.

Widmen wir uns zuerst der Axt: Ihr runder Nacken und die Schneide sind leicht herabgezogen. Die Unterseite zieht kurz vor der Bohrung deutlich ein und wird dann waagerecht. 15 Facetten verlaufen sauber über den Axtkörper (L. 14,6 cm, Schneiden-Br. 4,0 cm, Nacken 2,9-3,2 cm, Br. am Schaftloch 4,2 cm, H. am Schaftloch 3,6 cm, H. max. 4,8 cm.) Sie gehört zu den schönsten Steingeräten des gesamten Landkreises, stammt aber ausweislich ihres Materials sicher nicht aus unserer Gegend. Nach der Bestimmung durch den Geologen Dr. Jörg Ansorge (LAKD M-V/LA) handelt es sich um Metabasit vom Typ Jistebsko im Isergebirge (Böhmen), in der älteren Literatur auch Amphibolit-Hornblende-Schiefer genannt. Die Form findet sich häufig in Mitteldeutschland, streut aber in ihrem Vorkommen bis Belgien, Norddeutschland, Dänemark, Polen, Böhmen und Österreich. Sie wird der Schnurkeramik zugeordnet, was zeitlich in etwa der in Mecklenburg verbreiteten Einzelgrabkultur entspricht. Die gegen 2500 v. Chr. einwandernden spätneolithischen Kulturen brachten das Reitpferd, neue Krankheiten und eine immense genetische Überprägung mit sich. Die Axt war Waffe und Prestigeobjekt des Mannes, dem sie auch regelhaft ins Grab mitgegeben wurde. Die bekannteste Bestattung dieser Zeit, allerdings nur mit einer sehr einfachen Axt ausgestattet, ist das Grab des sogenannten „Müritz-Ötzi“ von Vietzen, der in Neustrelitz im Landeszentrum für erneuerbare Energien (Leea) zu bewundern ist. Das beste fundortnahe Vergleichsstück zum Carwitzer Exemplar ist eine Axt aus Hohenzieritz.

Nicht sicher war hingegen, ob Axt und Schädel, wenn schon nicht aus demselben Grab, so doch zur selben Zeit in die Erde kamen. Da es sich nach erster Begutachtung um den Schädel einer Frau handelte, wäre eine Axt in deren Grab fehl am Platze. Haben wir es also mit mehreren Gräbern zu tun? Um dies herauszufinden, wurde in Poznań eine Altersbestimmung mittels 14C-Analyse in Auftrag gegeben.

Das Ergebnis ließ bei den beteiligten Archäologen die Münder ungläubig offenstehen, denn die Bestimmung ergab einen Alterswert von 8450 ± 50 BP (Poz-196669). Demnach verstarb diese Frau um 7500 v. Chr. (etwa 7590 – 7458 calBC). Damit handelt es sich um den ältesten Menschen, den wir in Mecklenburg-Vorpommern physisch fassen können. Der Platz ist morphologisch mit dem bis heute ältesten Friedhof Deutschlands von Groß Fredenwalde in der Uckermark vergleichbar, der aber etwa 1000 Jahre jünger ist. Ein hoher Berg mit großer Fernsicht, die allerdings bei der damaligen Bewaldung nicht gegeben war, es sei denn, unsere Vorfahren haben für ein freies Schussfeld ganze Landschaften abgefackelt, was weiter südlich bereits für die Altsteinzeit nachweisbar ist.

Dort und auch im Einzelgrab von Rothenklempenow, Lkr. Vorpommern-Greifswald, wurden die Menschen stehend oder hockend bestattet. Das heißt für uns, der Rest des Skelettes könnte noch irgendwo „stehen“, da in der Beschreibung nur von einem Schädel die Rede war. Aber wo suchen? Auf der Kuppe des Hauptmannsberges am wohl bronzezeitlichen Hügelgrab, am Hang zwischen den großen Blöcken, die wohl schon früher durchsucht und umgelagert wurden, oder im Bereich der noch heute sichtbaren Kiesgrube am Hang? Und dann ist der Schädel noch in einer guten Erhaltung auf uns gekommen. Damit eröffnen sich Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten hätte: Wahrscheinlich ließe sich genetisches Material isolieren, das uns sagt, ob die älteste Frau des Landes auch die älteste Blondine oder doch noch dunkelhaarig war, oder auch, ob sie schon blauäugig wie die meisten ihrer Zeitgenossen gewesen ist. Zudem ließe sich untersuchen, bei welchen heutigen Menschen sich noch ihre Mutationen finden, ja sogar ihren angeborenen Mut können wir vielleicht bald einschätzen.

Gehen wir einfach davon aus, dass der Schädel von Carwitz in naher Zukunft ein weiteres Mal Thema im „Fund des Monats“ sein wird.

Jens Ulrich

Literatur

A. Bach, Das Skelett aus dem Schachtgrab von Rothenklempenow, Kreis Uecker-Randow. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 42, 1994, 27–54.

A. Hollnagel, Einige Streitäxte aus dem östlichen Mecklenburg. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg, Jahrbuch 1955, 63–67 (Hohenzieritz: 63 Abb. 29).

J. Jacobs, Die Einzelgrabkultur in Mecklenburg-Vorpommern. – Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns 24. Schwerin 1991.

B. Jungklaus/A. Kotula/T. Terberger, New investigations into the Mesolithic burial of Groß Fredenwalde, Brandenburg – first results. In: J. M. Grünberg/B. Gramsch/L. Larsson/J. Orschiedt/H. Meller (eds.), Mesolithic burials – Rites, symbols and social organisation of early postglacial communities. Halle (Saale) 2016, 419-433.

G. Tschepego/P. Schüßler (Hrsg.), Walter Karbes Kulturgeschichte des Landes Stargard von der Eiszeit bis zur Gegenwart. Schwerin 2009.

A. Wagner (Hrsg.), … der sich die Heimat erwanderte. Rostock 1957.

J. Krause/T. Trappe, Die Reise unserer Gene: Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren. Berlin 2019.

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