Von der Dose zur Scheibe: Umgearbeitete gotländische Pracht-Dosenfibeln aus Vorpommern

Fund des Monats November 2025

Abbildung 1: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Schrägansichten des Deckels der Dosenfibel.Details anzeigen
Abbildung 1: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Schrägansichten des Deckels der Dosenfibel.

Abbildung 1: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Schrägansichten des Deckels der Dosenfibel.

Abbildung 1: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Schrägansichten des Deckels der Dosenfibel.

Das Spektrum frühmittelalterlicher Metallfunde wächst seit Jahren kontinuierlich, auch und gerade in Mecklenburg-Vorpommern. Dadurch sind inzwischen quantitative und qualitative Vergleiche über Zeiten und Räume hinweg möglich. Ob ihrer besonderen Ausprägungen und zum Teil hochstehender Handwerkskunst sind Objekte gotländischer Provenienz, wie etwa Rückenknopffibeln bzw. Bügelscheibenfibeln (Jantzen 2021), Dosenfibeln, Fischkopfförmige Anhänger oder Tierkopffibeln (Schirren 2015), besonders interessant.

Auf einem schon seit 1969 bekannten spätslawischen Siedlungsplatz bei Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald, entdeckte der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Jürgen Kümmel (Buddenhagen) im Jahr 2024 einen weiteren Fund dieser Kategorie, nämlich einen reich verzierten Deckel einer Dosenfibel (Abb. 1). Das Oberteil der Dosenfibel ist mit einem auf dem äußeren Rand (Dm. 5,5 cm) umlaufenden, zweiteiligen Taustab in Niellotechnik verziert. Die Mitte der Scheibe wird durch einen im Borre-Stil (?) verzierten, in Durchbruchtechnik gegossenen, vergoldeten und sich konisch verjüngenden Aufsatz (H. ca. 1,3 cm) betont. Auf der Grundplatte (Abb. 2) kreuzförmig angeordnet stehen vier vierbeinige vollplastische Tierfiguren (H. 1 cm). Die Füße enden in je vier Nietstiften, die sie in der etwas größer durchlochten Grundplatte fixieren bzw. mit dieser vollständig durch eine Art Versplintung verbinden. Zwischen den plastischen Aufsätzen liegen die durch die Aufteilung der Oberseite entstehenden trapezförmigen Zwickel, die ursprünglich mit Blechen aus Gold oder Silber abgedeckt waren. Ein guter Vergleichsfund mit ähnlicher Gestaltung der Deckeloberseite liegt mit der Fibel von Pilgårds, Boge socken auf Gotland vor; diese Fibel trägt noch ihre vollständige „Bekleidung“ (Abb. 3).

Abbildung 2: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Ober- und Unterseite des Deckels der Dosenfibel.Details anzeigen
Abbildung 2: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Ober- und Unterseite des Deckels der Dosenfibel.

Abbildung 2: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Ober- und Unterseite des Deckels der Dosenfibel.

Abbildung 2: Wrangelsburg, Lkr. Vorpommern-Greifswald. Ober- und Unterseite des Deckels der Dosenfibel.

Abbildung 3: Pilgårds, Boge socken auf Gotland, Dosenfibel.Details anzeigen
Abbildung 3: Pilgårds, Boge socken auf Gotland, Dosenfibel.

Abbildung 3: Pilgårds, Boge socken auf Gotland, Dosenfibel.

Abbildung 3: Pilgårds, Boge socken auf Gotland, Dosenfibel.

Schon 2005 fand die ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerin Heide Großnick auf einem slawischen Siedlungsplatz bei Marlow auf der westlichen Halbinsel Jasmund (Insel Rügen) außer Scherben vom Fresendorfer, Vipperower, Teterower, Garzer und Bobziner Typ das Fragment einer Dosenfibel (Abb. 4, a-b; Großnick 2019). Es handelt sich um eine gegossene, achteckige Bronzeplatte (4,5 x 4,7 x 0,8 cm), deren leicht gewölbte Oberfläche vergoldet ist. Sie war vermutlich mit kleinen Stiften auf einem größeren, gegossenen Fibeldeckel befestigt. Die Oberseite der Platte ist kerbschnittartig mit einem sich wiederholenden Muster und vielen Durchlochungen versehen. Gegliedert wird sie durch vier durchbrochene Stollenaufsätze, welche mit Silber und feinen Niello-Streifen (Schwarzsilber und Silber) ausgelegt sind. Randlich befinden sich zwischen den Stollenaufsätzen in regelmäßigen Abständen dachförmig geschweifte Silberauflagen, in welche Niello-Bänder mit einfachem Knotenmuster eingelegt wurden.

Abbildung 4 a-b: Marlow bei Sagard, Lkr. Vorpommern-Rügen. Deckel einer Dosenfibel, a Oberseite und b Rückseite. c: Bredgården, Othems socken auf Gotland, Dosenfibel (Grab 6) vom Gräberfeld.Details anzeigen
Abbildung 4 a-b: Marlow bei Sagard, Lkr. Vorpommern-Rügen. Deckel einer Dosenfibel, a Oberseite und b Rückseite. c: Bredgården, Othems socken auf Gotland, Dosenfibel (Grab 6) vom Gräberfeld.

Abbildung 4 a-b: Marlow bei Sagard, Lkr. Vorpommern-Rügen. Deckel einer Dosenfibel, a Oberseite und b Rückseite. c: Bredgården, Othems socken auf Gotland, Dosenfibel (Grab 6) vom Gräberfeld.

Abbildung 4 a-b: Marlow bei Sagard, Lkr. Vorpommern-Rügen. Deckel einer Dosenfibel, a Oberseite und b Rückseite. c: Bredgården, Othems socken auf Gotland, Dosenfibel (Grab 6) vom Gräberfeld.

In mehreren Details vergleichbar mit dem Marlower Stück ist die Dosenfibel von Eskelhem auf Gotland (Thunmark-Nylen 1998, Taf. 60, 5a‑b). Die achteckige Form entstand vermutlich erst durch das Abschleifen der Außenwölbung auf Höhe der Stollen bei der Umgestaltung der Fibeloberseite. Die ehemals sicher vorhandene Einfassung des Randes mittels umlaufenden Silbergeflechts in Niello-Technik wurde in diesem Zusammenhang wohl ebenfalls demontiert. Die am Marlower Schmuckstück vorhandenen dreieckigen Aufsätze mit Knotenmotiv sind ähnlich an einer Fibel des Gräberfeldes von Bredgården, Othems socken auf Gotland vorhanden (Abb. 4, c). Hier werden weitere Details wie z. B. in die Deckelplatte der Fibel eingezogenen Drähte aus Silber erkennbar, die rund um die Stollenbasen verlaufen. Sie sind durch kleine, aus der Grundplatte herausragende Ösen gezogen, wie sie auch am Marlower Fragment noch erhalten sind. Es wird deutlich, in welchem Maße die Marlower Fibel von ihren komplexen Applikationen „gesäubert“ wurde.

Dosenfibeln sind entstehungsgeschichtlich eng mit der Insel Gotland verbunden, denn frühe Formen dieser Schmuckform, im Tierstil III verziert, gehen schon auf die Vendelzeit zurück. Der unbestrittene Höhe- und Endpunkt sind die prachtvollen Fibeln des Typs 7 (nach Thunmark-Nylen), von dem insgesamt auf Gotland rund 70 Exemplare bekannt sind. Sie werden in den Zeitraum der Stufe VIII:4 datiert, können mithin also bis in die Zeit um 1200 n. Chr. getragen worden sein. Auf der Insel selbst treten Dosenfibeln in nennenswerter Zahl in der Totenausstattung bzw. der Tracht in Gräbern auf. Allerdings sind vollständig erhaltene Prachtformen in Gräbern selten. Sehr oft wurden sie ihres Gold-/Silberschmucks „entkleidet“ (Thunmark-Nylen 2006, 456-457). Handwerklich vereinen diese Fibeln eine Vielzahl von komplexen Techniken, wie dies an kaum einem anderen Objekt dieser Phase der Wikingerzeit zu beobachten ist. Als Handelsgut sind diese Fibeln wohl nicht im Umlauf gewesen, denn sonst wäre ihre Zahl außerhalb Gotlands wohl deutlich größer. Die komplexe Bedeutung der Dosenfibeln hat Parrot (2021) wie folgt zusammengefasst: Eine Dosenfibel war nicht nur einfach ein modisches Statement. Diese Objekte hatten eine besondere Stellung und waren verbunden mit dem Handwerk, dem Austausch zwischen ihren Trägern, Besitz und speziellen, für die Insel (Gotland) tradierten Deponierungssitten. Durch die Dosenfibel konnte die Trägerin ihren Reichtum darstellen sowie ihre weitreichenden Bande verwandtschaftlicher Beziehungen und die Zugehörigkeit zu einer privaten, sehr exklusiven Kultur kommunizieren. Ebenfalls dienten Fibeln als Grundlage verschiedener Interdependenzen innerhalb besagter Kultur, wie zwischen den verschiedenen Handwerkern und dem individuellen Träger des Schmucks oder Familien bzw. der Gemeinschaft mit schon lange verstorbenen Ahnen. Die Fibeln waren in Essenz eine integrale Komponente des sozialen Miteinanders und Agierens auf der Insel Gotland während der Wikingerzeit und so speziell wie die Kultur, aus der sie entstanden.

Die Häufung des Auftretens gotländischen Schmucks gerade im Raum zwischen Rügen und dem Odermündungsraum wirft Fragen auf. Spiegeln die Funde die persönliche Anwesenheit von Gotländern wider, die sich bevorzugt in gerade diesem Raum aufhielten, der mit dem Emporium Uznam (im Bereich der heutigen Stadt Usedom) im 11.-12. Jahrhundert ein Handelszentrum aufwies? Oder gibt es einen Zusammenhang mit der in historischen Quellen genannten slawischen Piraterie und dem ebenfalls in den Quellen erwähnten Menschenhandel? Aus dem Odermündungsgebiet heraus sind nicht nur viele Handels-, sondern auch Kriegsfahrten in Richtung der Ostseeinseln überliefert. Auf jeden Fall repräsentieren die Fibelteile auch in ihrer abgewandelten, stark reduzierten Form immer noch eine in Ausführung und Form „exotische“ Schmuck- oder Amulettform. Ihre damals sicher bekannte Herkunft von der anderen Seite der Ostsee und die Geschichte ihres Erwerbs mag dem Träger oder der Trägerin an der südlichen Ostseeküste ein zusätzliches Ansehen verschafft haben – wenn sie nicht sogar das persönliche Erinnerungsstück an ein besonderes Ereignis war.

Dr. C. Michael Schirren

Literatur

Großnick 2019: H. Großnick, Wittow und Jasmund – zwei slawische Siedlungskammern auf der Insel Rügen, Landkreis Vorpommern-Rügen. Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 26, 2019, 103-125.

Jantzen 2021: D. Jantzen, Und es gibt sie doch – Eine „gotländische“ Fibel aus Starrvitz, Lkr. Vorpommern-Rügen.

Parrot 2021: Parrott, D., More than fashion: the social significance of Viking Age Gotland’s box Brooches. Scandinavian Archaeology 2021.

Schirren 2015: M. Schirren, Eine Gotländerin in der Uckermark…? Zu neu entdeckten tierkopfförmigen Fibeln der späten Wikingerzeit in Vorpommern und anderen Objekten Gotländischer Provenienz. Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 22, 2015, 37-48.

Schirren 2025: M. Schirren, Von der Dose zur Scheibe. Fragmente gotländischer Pracht-Dosenfibeln und fischkopfförmige Anhänger aus Vorpommern. Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 32, 2025, 53-68.

Thunmark-Nylén 1982: L. Thunmark-Nylén, Återanvänding av vikingatida metallsmycken – Primärt och sekundärt bruk av fiskhuvudformiga hängen och några andra föremålsgrupper. Gotländskt Arkiv 54, 1982, 57-76.

Thunmark-Nylén 1983: L. Thunmark-Nylén, Vikingatida dosspännen – teknisk stratigrafi och verkstadsgruppering. Archaeological studies, Uppsala University, Institute of North European Archaeology (= AUN) 4. Uppsala 1983

Thunmark-Nylén 1998: L. Thunmark-Nylén, Die Wikingerzeit Gotlands. II Typentafeln. Stockholm 1998

Thunmark-Nylén 2006a: L. Thunmark-Nylén, Die Wikingerzeit Gotlands. III:1 Text. Stockholm 2006

Thunmark-Nylén 2006b: L. Thunmark-Nylén, Die Wikingerzeit Gotlands. III:2 Text. Stockholm 2006

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