„mit ebenso musterhafter Treue, als seltener Sachkenntniß“. Die Custodin Amalie Buchheim und die Publikumsbetreuung in den Schweriner Altertumssammlungen

Fund des Monats September 2024

Abb. 1: Die Schweriner Custodin Amalie Buchheim. Ölgemälde von Ferdinand Meyer-Wismar, 1899. Staatliches Museum Schwerin, Inv.-Nr. G 529.Details anzeigen
Abb. 1: Die Schweriner Custodin Amalie Buchheim. Ölgemälde von Ferdinand Meyer-Wismar, 1899. Staatliches Museum Schwerin, Inv.-Nr. G 529.

Abb. 1: Die Schweriner Custodin Amalie Buchheim. Ölgemälde von Ferdinand Meyer-Wismar, 1899. Staatliches Museum Schwerin, Inv.-Nr. G 529.

Abb. 1: Die Schweriner Custodin Amalie Buchheim. Ölgemälde von Ferdinand Meyer-Wismar, 1899. Staatliches Museum Schwerin, Inv.-Nr. G 529.

Manche Spuren zur Wissenschaftsgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns sind in weit entfernten Archiven zu entdecken. Im Rahmen des BMBF-Forschungsprojektes „Akteurinnen archäologischer Forschung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften: Im Feld, im Labor, am Schreibtisch (AktArcha)“ (2021–2024) wurden zwei Briefe von Amalie Buchheim (1819–1902; Abb. 1) erfasst, die seit Kurzem in der online-Datenbank der Wienbibliothek im Bestand „Archiv Institut für Urgeschichte“ veröffentlicht sind. Diese Briefe aus den Jahren 1881 und 1883 eröffnen einen neuen Blick auf die Arbeit in den Schweriner Altertumssammlungen (Abb. 2), die im 19. Jahrhundert als eine der ältesten öffentlich zugänglichen Vorgeschichtssammlungen europaweit einen ausgezeichneten Ruf besaßen.

Vor allem zwei berühmte Altertumsforscher sind mit der Großherzoglichen Sammlung und der Sammlung des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde in Schwerin verbunden: die Antiquare Dr. Friedrich Lisch (1801–1883) und Dr. Robert Beltz (1854–1942). Es gehört jedoch noch eine weitere Person in diese Reihe: ihre Mitarbeiterin Amalie Buchheim. Das wachsende Interesse an Wissenschafts- wie Frauengeschichte führte seit den 1990er Jahren zur Wieder-Erinnerung an diese außergewöhnliche Frau. Amalie Buchheim vermochte es, in einer Zeit, in der Frauen eine akademische Ausbildung noch verwehrt wurde, mit einer bezahlten Tätigkeit in der Archäologie ihr Leben zu bestreiten.

Am 30. Mai 1819 wurde Amalie Buchheim in Ludwigslust, Residenzort des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin, als Tochter des Hofküsters Wilhelm Buchheim (gest. 1841) und seiner Frau Elisabeth (gest. 1860) geboren. Mit dem Umzug des großherzoglichen Hofes nach Schwerin 1835 wurde ihrem Vater zusätzlich die Arbeit eines Sammlungscustoden übertragen. Sehr bald lernte er die Tochter zu seiner Unterstützung an, kam doch ab 1837 noch die Vereinssammlung hinzu. Nach seinem Tod bekam Amalie Buchheim die Tätigkeit ihres Vaters von Großherzog Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin (1800–1842) zugesprochen. Nach dem Tod der Mutter 1860 ging auch das Gehalt an sie selbst. Sie füllte diese Stelle der Custodin bis zu ihrem eigenen Tod 1902 aus. Über ihr Leben berichtet Jette Anders ausführlich in den Mecklenburger Jahrbüchern 2011; weitere Beiträge finden sich im AktaArcha-Blog (Bösl / Gutsmiedl-Schümann 2022; Koch 2024; Koch / Gutsmiedl-Schümann 2024).

Zu den Aufgaben Amalie Buchheims als Custodin gehörten, wie aus den Erwähnungen in den Meklenburger Jahrbüchern hervorgeht, das Ordnen der antiquarischen Sammlungen, die Inventarisierung, das Zeichnen und Bestimmen von Neuzugängen, die Restaurierung der Funde sowie die Betreuung der Besucherinnen und Besucher. So schrieb der Schweriner Archivar Wilhelm Gottlieb Beyer (1801–1881) im Jahresbericht 1866: „Bei dieser Gelegenheit glaube ich nicht versäumen zu dürfen, auch der allen Besuchern unseres Antiquariums in freundlicher Erinnerung stehenden Custodin der großherzoglichen, wie der Vereins=Sammlung, des Fräuleins Buchheim, die in dem verflossenen Mai die ihr anvertrauten Schätze seit 25 Jahren mit ebenso musterhafter Treue, als seltener Sachkenntniß überwacht und den Besuchern erklärt, mit verdienter Anerkennung zu gedenken.“ (Beyer 1866, 4–5).

Durch Erwähnungen in Arbeiten von Friedrich Lisch, Robert Beltz, Heinrich Schliemann (1822–1890) und Adolph von Morlot (1820–1867) ist bekannt, dass Amalie Buchheim ihre durch die praktische Sammlungsarbeit erworbenen archäologischen Kenntnisse sowohl mit ihren Vorgesetzten wie auch mit Besucherinnen und Besuchern teilte. Weniger beachtet wurde bisher, dass sie auch im Briefkontakt mit weiteren Altertumsforschern ihrer Zeit stand. Die beiden in Wien archivierten Briefe vom 1. März 1881 und 12. April 1883 eröffnen einen neuen Blick auf die archäologische Arbeit der Amalie Buchheim. Damit haben die Schriftstücke eine Würdigung als Fund des Monats September 2024 verdient.

In den zwei Briefen wird der Empfänger allerdings nicht namentlich angesprochen, weswegen sie in der Online-Datenbank zunächst als „Briefe von Amalie Buchheim an Unbekannt“ erfasst sind. Aufgrund der Inhalte lässt sich jedoch der Empfänger als Dr. Matthäus Much (1832–1909), Altertumsforscher aus Wien (Becker 2019), eindeutig identifizieren, da sie eine bestimmte Publikation des Adressaten anspricht (Koch 2024).

In dem Brief vom 1. März 1881 (Abb. 3 und 4) bedankt sich Amalie Buchheim für die Zusendung eines Bildes: „Die Reihe unserer Alterthumsforscher ist so herrlich in meinem Album vertreten, und da freut es mich, daß ich auch Ihr Bildchen einreihen kann.“ Damit dürfte ein kartoniertes Porträtfoto, eine sogenannte Carte de Visite, gemeint sein. Das Zusenden solcher Fotos an Korrespondenzpartner entwickelte sich mit Aufkommen der Fotografie im späten 19. Jahrhundert zu einer üblichen Praxis. Dass Amalie Buchheim Fotos von Fachkollegen und Besuchern der Schweriner Altertumssammlungen in einem Album sammelte, war bislang nicht bekannt und wäre eine Suche in den Schweriner Archiven wert.

Im zweiten Schreiben aus dem Jahr 1883 bezieht sich Amalie Buchheim auf ein Heft, das Frauen in der Vorgeschichte thematisierte. Matthäus Much hatte im Dezember 1882 in Wien einen Vortrag mit dem Titel „Die Frauen in der Urgeschichte“ gehalten und publiziert (Much 1883). Der Brief enthält ihren Dank für die Sendung und eigene Gedanken zu handwerklichen Arbeiten von Frauen in der Bronzezeit Mecklenburgs (Koch 2024).

Der Briefwechsel Much–Buchheim begann wohl nach dem Besuch des Wiener Gelehrten in den Schweriner Sammlungen im August 1880, der durch eine Erwähnung im Quartalbericht Oktober 1880 belegt ist: „Unsere Sammlungen wurden auch in diesem Quartal von mehreren namhaften Gelehrten besucht, von denen einige besonders mögen aufgezählt werden. [...] Am 2. August hatten wir den Besuch des Herrn Professor Dr. Handelmann aus Kiel [Direktor des Museums für vaterländische Alterthümer], am 12. August den des Herrn Dr. Much aus Wien, Secretairs der dortigen anthropologischen Gesellschaft.“ (Schildt 1881, 2).

Auch andere hochrangige Besucherinnen und Besucher werden neben Mitgliedern des großherzoglichen Hofes in den Meklenburger Jahresberichten genannt. Die Namen lesen sich wie ein „Who is who“ aus den Anfängen der Prähistorischen Archäologie. Es finden sich darunter 1869 der Pfahlbauentdecker Édouard Desor (1811–1882) aus der Schweiz, 1871 die Schweden Hans Hildebrand (1842–1913) und Oscar Montelius (1843–1921), 1872 der Ausgräber des Nydam-Schiffes Conrad Engelhardt (1825–1881) sowie 1873 Sophus Müller (1846–1934) aus Kopenhagen, 1876 und 1879 der Norweger Ingvald Undset (1853–1893) oder ebenfalls 1879 August von Essenwein (1831–1892), der erste Direktor des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Sie alle lernten bei ihren Studienaufenthalten in Schwerin neben Friedrich Lisch und später Robert Beltz auch Amalie Buchheim als zuverlässige Führerin durch die Sammlung und gelehrte Gesprächspartnerin kennen.

Mit der zunehmenden Aufarbeitung und Digitalisierung wissenschaftlicher Nachlässe steigt also auch die Wahrscheinlichkeit, europaweit noch mehr Briefe aus ihrer Hand zu entdecken. Diese könnten, wie die beiden Wiener Briefe gezeigt haben, neue Möglichkeiten eröffnen, die bislang unsichtbar gebliebene wissenschaftliche Arbeit von Amalie Buchheim zu erfassen.

Dr. Julia K. Koch, Forschungsprojekt AktArcha, Universität der Bundeswehr München

Literatur

Anders 2011: Jette Anders, Die vergessene Kustodin. Amalie Buchheim – Ein Leben im Dienste der Schweriner Altertümersammlungen. Mecklenburgische Jahrbücher 126, 2011, 269–284 (URL: https://rosdok.uni-rostock.de/file/rosdok_document_0000017113/rosdok_derivate_0000096425/MecklenburgischeJahrbuecher126_2011.pdf).

Becker 2019: Ottfried Becker, Dr. Matthäus Much (1832–1909). Eine dokumentarische Biographie. Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag. Reihe Geschichtswissenschaft 42 (2019).

Beyer 1866: Wilhelm Gottlieb Beyer, Quartal- und Schlussbericht des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde: Schwerin, 11. Juli 1866. Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 31, 1866, 1–43.

Bösl / Gutsmiedl-Schümann 2022: Elsbeth Bösl und Doris Gutsmiedl-Schümann, Mithelfende Familienangehörige in der Archäologie. In: AktArcha – Akteurinnen archäologischer Forschung und ihre Geschichte(n), 1.12.2022, URL: https://aktarcha.hypotheses.org/472.

Koch 2024: Julia K. Koch, Gelehrtenbriefe von Amalie Buchheim. Frauenforschung im 19. Jahrhundert. In: AktArcha – Akteurinnen archäologischer Forschung und ihre Geschichte(n), 2.5.2024, URL: https://aktarcha.hypotheses.org/5352.

Koch / Gutsmiedl-Schümann 2024: Julia K. Koch / Doris Gutsmiedl-Schümann, Einblicke in das Privatleben – Die Verlobung der Amalie Buchheim. In: AktArcha – Akteurinnen archäologischer Forschung und ihre Geschichte(n), 30.05.2024, URL: https://aktarcha.hypotheses.org/4947.

Much 1883: Matthäus Much. Die Frauen in der Urgeschichte. Vortrag, gehalten am 6. December 1882. In: Mittheilungen der K.K. Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst= und historischen Denkmale Neue Folge 9, 1883, 143–187 (URL: https://www.zobodat.at/pdf/SVVNWK_23_0145-0187.pdf).

Schildt 1881: Franz Schildt, Quartalbericht des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde: Schwerin, im October 1880. Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde 46, 1881, S. 1–8.

Das Forschungs- und Vermittlungsprojekt „AktArcha. Akteurinnen archäologischer Forschung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften: im Feld, im Labor, am Schreibtisch“ wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01FP21056 von September 2021 bis August 2024 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieses Beitrags liegt bei der Autorin.

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