Die unvollendete jungbronzezeitliche Steinaxt aus Neu Ziddorf, Lkr. Rostock – nur eine „Vorarbeit“?

Fund des Monats August 2024

Abb.1: Neu Ziddorf, Lkr. Rostock. Jungbronzezeitliche Axt in mehreren Ansichten. Deutlich erkennbar der abgesetzte Nackenzapfen, die unterschiedliche Oberflächenstruktur und der asymmetrisch-schiefe Verlauf des Axtkörpers in der Aufsicht.Details anzeigen
Abb.1: Neu Ziddorf, Lkr. Rostock. Jungbronzezeitliche Axt in mehreren Ansichten. Deutlich erkennbar der abgesetzte Nackenzapfen, die unterschiedliche Oberflächenstruktur und der asymmetrisch-schiefe Verlauf des Axtkörpers in der Aufsicht.

Abb.1: Neu Ziddorf, Lkr. Rostock. Jungbronzezeitliche Axt in mehreren Ansichten. Deutlich erkennbar der abgesetzte Nackenzapfen, die unterschiedliche Oberflächenstruktur und der asymmetrisch-schiefe Verlauf des Axtkörpers in der Aufsicht.

Abb.1: Neu Ziddorf, Lkr. Rostock. Jungbronzezeitliche Axt in mehreren Ansichten. Deutlich erkennbar der abgesetzte Nackenzapfen, die unterschiedliche Oberflächenstruktur und der asymmetrisch-schiefe Verlauf des Axtkörpers in der Aufsicht.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte sich der auch als „Mecklenburgs Humboldt“ apostrophierte Universalgelehrte Friedrich Lisch in Schwerin – ausgehend von der durch ihn geordneten und betreuten großherzoglichen Sammlung von Altertümern – Gedanken zur zeitlichen Ordnung der Funde. Seine Idee einer Abfolge von Stein-, Bronze- und Eisenzeit beruhte auf eigenen Fund- und Befundbeobachtungen und wurde maßgeblich durch die schon zuvor (1823-25) vom dänischen Gelehrten Christian J. Thomsen formulierte Idee beeinflusst. Seit dieser Zeit gehört es zum allgemeinen Bildungsgut, dass in der Steinzeit die Geräte und Waffen aus Stein, in der Bronzezeit aus Bronze und in der Eisenzeit vornehmlich aus Eisen gemacht waren. Es verwundert aber sicher nicht, dass die archäologische Forschung nach gut 200 Jahren in mancher Hinsicht ein differenzierteres Bild zeichnen kann. Eine Erkenntnis ist beispielsweise, dass es in der Bronzezeit eben nicht nur Geräte aus Bronze gab, sondern dass insbesondere in der jüngeren Phase vermehrt auch Steingeräte und selbst Objekte aus Geweih eine Renaissance erlebten. Von einem neu entdeckten Zeugnis dieser Zeit soll im Folgenden die Rede sein.

Im Jahr 2023 fand Georg von der Goltz (Gut Barz) bei der Feldarbeit am Rande einer tiefen, kesselförmigen vermoorten glazialen Senke in der Gemarkung Neu Ziddorf (Fpl. 9) einen axtförmigen Gegenstand aus Stein und meldet ihn dem Landesamt. Es handelt sich offenbar um die Vorarbeit einer nackengebogenen Axt aus grünlichem Porphyr, unregelmäßig mit weißem Feldspat durchsetzt (L. 16,5 cm, Abb. 1). Sie weist eine breite, beidseitig ausschwingende Schneide (L. 7,4 cm) und einen schwach gebogenen Körper auf, dessen Querschnitt im Bereich der Schneide rechteckig (max. 6,5 x 3 cm) und zum Nacken zunehmend quadratisch (4,5 x 5,5 cm) wird. Breitseiten und Ober- sowie Unterseite sind zum zapfenförmigen Nackenabschluss plastisch halbkreisförmig abgesetzt (Abb. 2). In der Aufsicht ist der Axtkörper deutlich asymmetrisch und wirkt deshalb etwas unperfekt. Die Oberfläche zeigt flächig deutliche Pickpuren der Herstellung, während glatte Stellen nicht Schliff darstellen, sondern auf die natürliche Oberfläche des Ausgangsmaterials (wohl ein Geschiebe) hindeuten. Ein Schaftloch oder die Ansätze dafür sind nicht vorhanden. Im Umkreis von 1,5 Kilometer zur Fundstelle sind bronzezeitliche Einzelfunde, ein jungbronzezeitliches Brandgräberfeld, Siedlungen und auch Hügelgräber bekannt. Die durch feuchte Niederungen gegliederte, kuppenreiche Umgebung der Fundstelle ist also zumindest seit der älteren Bronzezeit intensiv besiedelt gewesen.

Abb. 2: Neu Ziddorf, Lkr. Rostock. 3D-Modell der jungbronzezeitlichen Axt. Dokumentation: LAKD M-V, Landesarchäologie, Oliver Bendig.

Abb. 3: Jungbronzezeitliche Axttypen (obere Reihe: Typ Kargow-Ringenwalde und untere Reihe: nackengebogene Äxte) aus dem Raum zwischen Elbe und Oder (nach F. Horst 1985).Details anzeigen
Abb. 3: Jungbronzezeitliche Axttypen (obere Reihe: Typ Kargow-Ringenwalde und untere Reihe: nackengebogene Äxte) aus dem Raum zwischen Elbe und Oder (nach F. Horst 1985).

Abb. 3: Jungbronzezeitliche Axttypen (obere Reihe: Typ Kargow-Ringenwalde und untere Reihe: nackengebogene Äxte) aus dem Raum zwischen Elbe und Oder (nach F. Horst 1985).

Abb. 3: Jungbronzezeitliche Axttypen (obere Reihe: Typ Kargow-Ringenwalde und untere Reihe: nackengebogene Äxte) aus dem Raum zwischen Elbe und Oder (nach F. Horst 1985).

F. Horst (1985) hat in seiner Zusammenstellung von rund 200 jungbronzezeitlichen Steinäxten aus dem Elbe-Oder-Raum eine typologische Ordnung der Funde vorgeschlagen. Demnach zeigt die Axt aus Neu Ziddorf mit der beidseitig deutlich ausschwingenden Schneide und der kontrastierten Herausarbeitung des Nackenschaftes Merkmale seiner Form 3a. Allerdings fehlen einige kennzeichnende Merkmale der auch als Typ Kargow-Ringenwalde bezeichneten Form, wie z. B. die feine Oberflächenbearbeitung sowie die Verzierung der Schneide und des Schaftzapfens (Abb. 3). Eine Eigenart der Axt aus Neu Ziddorf ist außerdem, dass sie im Gegensatz zu den meist geraden Verläufen des Axtkörpers der Form 3a einen langen, in der Seitenansicht schwach nach unten gebogenen Körper aufweist. Denn dies ist ein Merkmal der einfachen Formen vom Typ „nackengebogene Axt“. Wir haben es bei diesem Fund also formenkundlich mit einer Mischform zu tun, die die Merkmale unterschiedlicher Typen vereint, was als durchaus kreativer Akt des Herstellers anzusehen ist. Bereits F. Horst fiel die unvollständige Bearbeitung vieler Äxte auf, die z. B. unvollendete bzw. nur angefangene Bohrungen aufweisen oder deren Schaftloch völlig fehlt, obwohl die Stücke ansonsten perfekt bearbeitet und geschliffen waren. Es scheint so, als ob diese Äxte aber trotzdem ihren vorgesehenen Zweck erfüllen konnten. Durch geschlossene Fundkomplexe und Gräber lassen sich nackengebogene Äxte allgemein in die Jüngere Bronzezeit, oft schon ab Periode IV, aber schwerpunktmäßig in Periode V, und nur gelegentlich noch in Periode VI datieren. Das bedeutet in absoluten Jahren den Zeitraum zwischen 1100 und 550 v. Christi Geburt.

Das massierte Auftreten von Steingeräten (Steinäxte, Kannelurensteine u.ä.) in der jüngeren Bronzezeit im nördlichen Mitteleuropa, Skandinavien und dem Baltikum wird oft mit der Verknappung von Rohstoffen durch Versiegen der Rohstoffquellen bzw. das Abschneiden von Handelswegen erklärt. Als Auslöser werden Konflikte bei den Rohstofflieferanten angesehen, namentlich solche des 12. Jahrhunderts v. Chr. im mediterranen Raum, verbunden mit den in antiken Quellen als „Seevölker“ bezeichneten Auslösern der Krise. Die These der Rohstoffknappheit steht jedoch in einem gewissen Widerspruch zur Zahl und Größe jungbronzezeitlicher Deponierungen von Waffen, Schmuck, Pferdegeschirr und Brucherz im Verbreitungsgebiet der Steinäxte. Der Rückgriff auf heimische Rohstoffe wie Flint (z. B. bei den sichelartigen Flintmessern vom Typ Stenild), den Steinäxten und Kannelurensteinen mag zwar bis zu einem gewissen Grad mit der Rohstoffverknappung erklärbar sein. In der Summe zeigt sich aber zugleich eine Anpassung an bestimmte Umstände, verbunden mit innovativen, technologischen Entwicklungen. Schon die Einführung von Bronze als Werkstoff in der frühen nordischen Bronzezeit war begleitet von einer zeitweisen Blüte des Flinthandwerks. Immerhin steht am Ende der Bronzezeit wiederum die Einführung des neuen, bis heute kulturprägenden Rohstoffs Eisen. Gegen das alleinige Argument der Rohstoffverknappung spricht auch, dass mit dem Ende der Bronzezeit die Verwendung steinerner Äxte vollkommen erlischt, obwohl das in der vorrömischen Eisenzeit zunächst über Importe bezogene Eisen noch für lange Zeit sehr knapp war.

Deutliche Spuren der Abnutzung des Nackens und der Schneide an vielen Äxten werden in der fachwissenschaftlichen Diskussion als Indikatoren für eine handwerkliche Nutzung angesehen. Es gibt sogar Äxte, bei denen die intensive Nachschärfung der Schneide zu einer deutlichen Verkürzung des Axtkörpers führte. Auffallend kleine Schaftlöcher weisen möglicherweise auf eine Nutzung mit geringem Kraftaufwand hin. Bei den ebenfalls jungbronzezeitlich datierten, sogenannten Kannelurensteinen (Horst 1981) und den Steinäxten wird auch die Frage diskutiert, ob sie als Werkzeuge der Metallbearbeitung gedient haben. Es gibt zwar auch Hämmer aus Bronze, aber steinerne Werkzeuge könnten bei der Schneidenschärfung von Sicheln oder Äxten wie auch bei toreutischen Techniken (wie z. B. Blechtreiben) verwendet worden sein. Natürlich bleibt völlig offen, ob die Nutzungsspuren auf eine profane, handwerkliche Anwendung oder eine wie auch immer ausgeführte kultische Handlung hinweisen. Da Steinäxte nur sehr selten als Grabbeigaben verwendet wurden, können wir über ihre Rolle als Ausstattung Verstorbener bzw. allgemein im Totenkult nur spekulieren, doch ist der Umfang der Beigabenausstattung während der jüngeren Bronzezeit verglichen mit dem älteren Abschnitt ohnehin sehr gering. Als Bestandteil von Mehrstückhorten, zusammen mit Bronzegegenständen, kennen wir Steinäxte nicht. Zeitgleiche bronzene Tüllenbeile sind als Einzeldeponierungen, z. B. in Mooren, häufig. Auch wenn die Fundumstände es nicht immer nachvollziehbar machen, könnten Steinäxte ebenfalls Einzeldepots/Opferobjekte gewesen sein.

Insbesondere bei den Steinäxten vom Typ Kargow-Ringenwalde dürfen wir davon ausgehen, dass die Axt als Trägerobjekt immaterieller Eigenschaften fungierte und auch einen religiösen und/oder sozialen Symbolgehalt besaß. Vielfältig belegt ist der Kult um bzw. mit Äxten im Gebiet des Nordischen Kreises der Bronzezeit durch beeindruckende, z. T. szenisch angeordnete Bildzeugnisse in Form von Felsritzungen. Im archäologischen Fundgut des gleichen Gebietes beeindrucken übergroße, prachtvoll verzierte Bronzeäxte, deren Zweck nur in ihrer Repräsentanz und ihrem Symbol- oder Zeichenwert bestanden haben dürfte. In der Regel zeigen sie ausschwingende Schneiden, sind auf Felsbildern dargestellt, wurden als Depots niedergelegt und weisen auf eine herausragende Bedeutung der Axt als Symbol hin. Es mag also auch in der „Renaissance“ der Äxte aus Stein in der jüngeren Bronzezeit der symbolisch-kultische Hintergrund – nennen wir es einfach „Axtkult“ – aufscheinen, dessen Verbreitung im Übrigen weit über das Gebiet der nordischen Bronzezeit bis in den mediterranen Raum reichte. Betrachtet man die verschiedenen Typen an Steinäxten im nördlichen Mitteleuropa und den Nachbargebieten, fällt die meist regionale Entwicklung von Typen mit bestimmten Gestaltungsformen auf. Sie folgten in ihrer typologischen Entwicklung quasi formalen Vorgaben, oft regionalen Typen. Regionale Sonderformen bzw. typengebundene Ausformungen würde man bei einfachen Arbeitswerkzeugen eigentlich nicht erwarten.

Auffällig ist die vergleichsweise große Anzahl an Fundstücken ohne bzw. mit unvollendeter Bohrung. Viele von ihnen sind ansonsten sehr sorgfältig ausgeführt, geschliffen oder verziert, aber das Schaftloch fehlt. War vielleicht der Herstellungsakt der Äxte selbst das Ritual und es gar nicht notwendig, ein funktionstüchtiges Exemplar herzustellen? War das Stück aus Neu Ziddorf gar nicht „unvollendet“, sondern für die geplante Verwendung als Opfergabe ausreichend?

Ob Steinäxte als Waffen fungierten, können wir nur vermuten und sie wären nur eine Ergänzung des in der bronzezeitlichen Bewaffnung bekannten Arsenals von Schwertern, Lanzenspitzen und multifunktionalen bronzene Tüllenbeilen.

Wir müssen uns nach dem oben Gesagten – wie bei vielen anderen archäologischen Objekten – damit abfinden, dass auch die scheinbare offensichtliche Funktion einer Steinaxt nicht wissenschaftlich exakt bestimm- oder gar rekonstruierbar ist. Archäologisches Wissen erscheint insofern ähnlich lückenhaft und „unvollendet“, wie es die Axt aus Neu Ziddorf ist.

Dr. C. Michael Schirren

Literatur

  • Fritz Horst, Bronzezeitliche Steingeräte aus dem Elbe-Oder-Raum. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg 1981, 33-83.
  • Fritz Horst, Die jungbronzezeitlichen Steinäxte mit Nackenknauf aus dem Elbe-Oder-Raum. Bodendenkmalpflege in Mecklenburg 1985, 99-123.
  • Hauke Jöns und Friedrich Lüth (Hrsg.), Mythos und Magie. Archäologische Schätze der Bronzezeit aus Mecklenburg-Vorpommern (Ausstellungskatalog Schwerin). Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern 3, Lübstorf 2004.
  • Regine Maraszek, Äxte und Beile der Bronzezeit: Waffe, Werkzeug, Symbol. In: H. Meller und Michael Schefzik (Hrsg.), Krieg. Eine archäologische Spurensuche. Begleitband zur Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). 6. November 2015 bis 22. Mai 2016. Halle (Saale), 2015, 285-288.
  • Andreas Röpcke u. a. (Hrsg.), Mecklenburgs Humboldt. Friedrich Lisch: ein Forscherleben zwischen Hügelgräbern und Thronsaal. Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern 2, Lübstorf 2001.
  • Jens-Peter Schmidt, Studien zur jüngeren Bronzezeit in Schleswig-Holstein und dem nordelbischen Hamburg. Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie. Studien aus dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Kiel 15, Bonn 1993.
  • Jan Eric Sjöberg, Offerfyndet från Galsstad. Kungsbacka 2008.

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