Es muss nicht immer Bronze sein! – Ein jungsteinzeitliches Kupferbeil aus Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim

Fund des Monats Mai 2026

Abb. 1: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.Details anzeigen
Abb. 1: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.

Abb. 1: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.

Abb. 1: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.

Am Zusammenfluss von Schaale und Schilde, etwa auf halber Strecke zwischen Boizenburg und Wittenburg, liegt die Gemarkung Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim. Dort entdeckte der ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger Peter Thomas am 30.11.2025 bei einer Detektorbegehung ein intaktes, hervorragend erhaltenes Flachbeil aus Kupfer. Es fand sich direkt an der Oberfläche in einem von Wildschweinen durchwühlten Bereich, so dass es für seine Auffindung eigentlich gar keines Detektors bedurft hätte. Der Fund wurde umgehend der Landesarchäologie gemeldet und erhielt dort die Fundplatznummer „Schildfeld 4“.

Der Fundort liegt am östlichen Rand einer ebenen Sanderfläche, unmittelbar westlich eines von der Düsterbeck durchflossenen leichten Geländeeinschnitts. Nach Norden und Westen wird das Plateau hingegen durch die in diesem Abschnitt bis zu 100 m breite Niederung der Schilde begrenzt.

Der Fund

Abb. 2: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils.Details anzeigen
Abb. 2: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils.

Abb. 2: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils.

Abb. 2: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils.

Das Flachbeil hat eine trapezförmige Gestalt mit gerade abschließendem Nacken und halbrunder, seitlich ausschwingender Schneide, wobei einer der beiden Schneidenzipfel nicht vollständig erhalten ist (Abb. 1). Die Seitenansicht ist spitzoval, doch ist die größte Stärke in Richtung Schneide verschoben. Der Querschnitt hat eine annähernd rechteckige Form mit sehr leicht gewölbten Breitseiten und geraden Schmalseiten. Die Länge des Stückes beträgt 11,5 cm, die Nackenbreite liegt bei 2 cm, die Breite der Schneide bei 4,53 cm. Die Stärke des Nackens erreicht 0,9 cm und die maximale Stärke des Stücks liegt in der Schneidenhälfte bei 1,85 cm. Dies erklärt auch das vergleichsweise hohe Gewicht von 386,2 g. Die Patina ist grünlich, Gussnähte sind nicht erkennbar. Die Schneide ist auf einer Tiefe von etwa 1,2 cm nachgeschärft (Abb. 2 und 3).

Einen ersten Einblick in die Materialzusammensetzung des Flachbeiles lieferte eine zerstörungsfreie Röntgenfluoreszenzanalyse an der Oberfläche des Stückes (pRXF-Analyse). Dabei zeigte sich, dass es sich um Kupfer mit geringen Beimengungen von hauptsächlich Silber und Antimon handelt. Eine ähnliche Materialkonfiguration kennen wir bereits von einem Teil der Fundstücke aus dem frühneolithischen Kupferhort von Neuenkirchen (Skorna 2022, 67 ff.). Mit einiger Vorsicht ist die Herkunft des Kupfers, aus dem das Flachbeil aus Schildfeld hergestellt wurde, in der heutigen Westslowakei zu verorten.

Opfer oder Verlust?

Abb. 3: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils, Aufsicht.Details anzeigen
Abb. 3: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils, Aufsicht.

Abb. 3: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils, Aufsicht.

Abb. 3: Schildfeld, Lkr. Ludwigslust-Parchim, Fpl. 4. Schneidenpartie des jungsteinzeitlichen Kupferbeils, Aufsicht.

Flachbeile aus Kupfer sind im nördlichen Mittel- und südlichen Nordeuropa nur sehr sporadisch vertreten (Klassen 2001, Abb. 1). Allerdings hat ihre Anzahl in den letzten Jahren durch den Einsatz von Metalldetektoren auch in Mecklenburg-Vorpommern spürbar zugenommen, wobei in diesem Zusammenhang beispielhaft auf das Beil von Lohmen, Lkr. Rostock, Fpl. 60 (KFB 2020, 241 f. Abb. 42), verwiesen sei (Abb. 4). Zu den Neufunden zählt auch der 1998 bei Neuenkirchen, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, geborgene Mehrstückhort, der unter anderem ein fragmentiertes Flachbeil enthielt (Skorna 2022). Die Mehrzahl der Flachbeile sind jedoch Einzelfunde, aber auch bei diesen müssen wir davon ausgehen, dass sie absichtlich niedergelegt wurden. Dafür spricht die häufige Lage der Fundorte an oder in Gewässern ebenso wie die Seltenheit der Flachbeile, bei denen kaum davon auszugehen ist, dass sie zufällig verloren gingen. Aktuell markiert Schildfeld den westlichsten Fundpunkt in Mecklenburg-Vorpommern (Abb. 5).

Jungsteinzeitliche Metallfunde?

Abb. 4: Lohmen, Lkr. Rostock, Fpl. 60. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.Details anzeigen
Abb. 4: Lohmen, Lkr. Rostock, Fpl. 60. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.

Abb. 4: Lohmen, Lkr. Rostock, Fpl. 60. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.

Abb. 4: Lohmen, Lkr. Rostock, Fpl. 60. Jungsteinzeitliches Kupferflachbeil.

Auch wenn das bislang bekannte Formenspektrum durch die Neufunde ergänzt wurde, finden sich in Mecklenburg-Vorpommern keine Flachbeile, die mit dem Exemplar aus Schildfeld formal vergleichbar sind. Sucht man hingegen im südlichen Mitteleuropa nach Vergleichsstücken, so wird man bei den Flachbeilen vom Typ Stollhof fündig (Pászthory/Mayer 1998, 23 ff; Mayer 1977, 45 ff.). Diese haben eine langschmale, trapezförmige Gestalt, einen geraden Nacken und eine leicht gebogene Schneide. Gut vergleichbar sind insbesondere die Beile der Variante Hartberg, die gedrungener und trapezförmiger gestaltet sind als die Vertreter der Grundform (Mayer 1977, 46 Nr. 97–100 Taf. 9). Das Vorkommen dieser Stücke reicht von Ostgalizien über Ungarn, Niederösterreich, Bayern, die Steiermark und Oberitalien bis nach Mitteldeutschland (Pászthory/Mayer 1998, 25; Mayer 1977, 48). Datiert werden sie nach Kienlin (2008, 514) grob in das späte 5. und frühe 4. Jahrtausend v. Chr.

Der beste Vergleichsfund im Norden stammt aus dem dänischen Slusegård, einem Fundplatz auf der Insel Bornholm (Klassen 2001, 136 f. 342 Taf. 2, 10). Dieses Flachbeil ist in seinen Abmessungen dem Schildfelder Exemplar sehr ähnlich und wird als Importstück aus den ostalpinen Produktionsstätten der Mondsee-Gruppe (3800-3300 v. Chr.) gewertet, die hauptsächlich arsenhaltiges Kupfer verwendete. Aufgrund seiner Materialzusammensetzung ist das Schildfelder Flachbeil allerdings wahrscheinlich nicht im Umfeld der Mondseegruppe, sondern eher im westslowakischen Raum entstanden (Abb. 6), was aber nur durch weitere Analysen zu verifizieren ist.

In den letzten Jahren verdichten sich die Hinweise, dass – trotz fehlender bzw. ungenutzter eigener Kupferlagerstätten – bereits frühzeitig eine eigenständige Kupfermetallurgie im Norden entstand (Klassen 2001, Skorna 2025) und wir ab etwa 3800 v. Chr. mit metallurgischen Tätigkeiten rechnen dürfen (Gebauer et al. 2021; Żurkiewicz et al. 2023). Aufgrund der fehlenden Rohstoffquellen ist davon auszugehen, dass das Material bereits existierender Stücke genutzt wurde, um lokale Formen zu fertigen.

Das Flachbeil aus Schildfeld ist wegen seiner typologisch „alten“ Form wahrscheinlich keines dieser lokal gefertigten Eigenprodukte, sondern unterstreicht als frühes Importstück die weitreichenden, überregionalen Netzwerke, in welche die jungsteinzeitliche Bevölkerung im heutigen Mecklenburg-Vorpommern eingebunden war. Außerdem zeigt dieser Fund einmal mehr die Bedeutung der ehrenamtlichen Bodendenkmalpflege für die Forschung, denn die Neufunde der letzten Jahre und deren Analyse haben unseren Blick auf die jungsteinzeitliche Welt nachhaltig verändert.

Dr. Jens-Peter Schmidt / Henry Skorna M.A.

Literatur

Brozio et al. 2023
J. P. Brozio/Z. Stos-Gale/J. Müller/N. Müller-Scheeßel/S. Schultrich/B. Fritsch/F. Jürgens/H. Skorna, The origin of Neolithic copper on the central Northern European plain and in Southern Scandinavia: Connectivities on a European scale. – PLOS ONE 18,5,e 0283007, https://doi.org/10.1371/journal.pone.0283007 

Gebauer et al. 2021
A. B. Gebauer/L. V. Sørensen/M. Taube/D. K. P. Wielandt, First Metallurgy in NorthernEurope. Early Neolithic Crucible and a possible Tuyère from Lønt, Denmark. – European Journal of Archaeology. 24,1, 2021, 1–21.

KFB 2020
Kurze Fundberichte 2020. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 68, 2020, 217–512.

Kienlin 2008
T. L. Kienlin, Von Schmieden und Stämmen. Anmerkungen zur kupferzeitlichen Metallurgie Südosteuropas. Germania 86, 2008, 503–540.

Klassen 2001
L. Klassen, Frühes Kupfer im Norden. Untersuchungen zu Chronologie, Herkunft und Bedeutung der Kupferfunde der Nordgruppe der Trichterbecherkultur. – Jutland Archaeological Society 36. Moesgård 2001.

Mayer 1977
E. F. Mayer, Die Äxte und Beile in Österreich. – Prähistorische Bronzefunde IX, 9. München 1977.

Pászthory/Mayer 1998
K. Pászthory/E. F. Mayer, Die Äxte und Beile in Bayern. – Prähistorische Bronzefunde IX, 20. Stuttgart 1998.

Skorna 2022
H. Skorna, The Life and Journey of Neolithic Copper Objects. Transformations of the Neuenkirchen Hoard, North-East Germany (3800 BCE). – Scales of Transformation 15. Leiden 2022.

Skorna 2025
H. Skorna, Make and break: Intentional fragmentation of copper flat axes as evidence for metallurgy in the Northern Group of the Early Neolithic Funnel Beaker societies. In: R. Risch/E. Pernicka/H. Meller (Hrsg.), Der soziale Wert prähistorischer Beile: neue archäologische und archäometrische Ansätze/The social value of prehistoric axes – new archaeological and archaeometricapproaches. Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle, Band 31. Heidelberg 2025, 355–363 [DOI:10.11588/propylaeum.1474.c21027].

Żurkiewicz et al. 2023
D. Żurkiewicz/M. Stróżyk/A. Garbacz-Klempka/M. Szmyt/P. Silska, The earliest traces of metallurgy in Greater Poland. – Documenta Praehistorica 50, 2023, 420–433 (doi:10.4312/dp.50.9).

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