Ein neuer Löwe in Schwerin!

Fund des Monats Juli 2026

Löwen sind in Schwerin seit jeher präsent, stellt doch die Heinrich dem Löwen, Herzog von Sachsen, zugeschriebene Stadtgründung in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts unmittelbar diesen Bezug durch seinen Beinamen her. Noch heute ziert das Reiterbildnis des Herzogs mit dem Löwen auf seinem Schild das Stadtwappen.

Geht man mit offenen Augen durch die Stadt, begegnen einem mehrere Löwen: Vor dem Schweriner Dom steht seit der 1000-Jahr-Feier Mecklenburgs im Jahr 1995 eine Kopie des Braunschweiger Löwen, ursprünglich dort in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Machtsymbol Heinrichs errichtet. Seit 2014 ist auch die eigentlich 1913/14 aufgestellte und am Ende des zweiten Weltkriegs verloren gegangene Kopie dieser Löwenstatue am Schloss Wiligrad wieder zu sehen. Ebenfalls seit 1995 steht auf dem Schweriner Altstädtischen Markt das Löwendenkmal des Bildhauers Peter Lenk, das, von einer Löwenskulptur bekrönt, vier Episoden aus dem Leben Heinrichs des Löwen in Szene setzt. Im Folgejahr ließ die Sparkasse in der Helenenstraße ein Löwendenkmal des Bildhauers Walter Preik aufstellen. Abgesehen von diesen bildlichen Darstellungen sind seit einigen Jahren im Zoo Schwerin auch wieder Löwen zu bestaunen, bei entsprechender Witterung hallt ihr Gebrüll über weite Teile des Stadtgebiets.

Abb. 1. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Randfragment einer Terra Sigillata-Schale mit Löwenkopfausguss.Details anzeigen
Abb. 1. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Randfragment einer Terra Sigillata-Schale mit Löwenkopfausguss.

Abb. 1. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Randfragment einer Terra Sigillata-Schale mit Löwenkopfausguss.

Abb. 1. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Randfragment einer Terra Sigillata-Schale mit Löwenkopfausguss.

Auf der Suche nach der ältesten Verbindung Schwerins zu Löwen gesellt sich nun ein Fundstück dazu, das allerdings weit vor der Stadtgründung zu verorten ist. Im Vorfeld des Neubaus eines Möbelhauses im Gewerbegebiet Schwerin-Krebsförden führte die Firma AIM-V Archäologie in Mecklenburg-Vorpommern GmbH archäologische Untersuchungen durch. Auf einer Fläche von über einem Hektar wurden die Hinterlassenschaften einer Siedlung des 2. und 3. Jahrhunderts nach Christus aufgedeckt und untersucht. Über 250 Befunde zeigen, dass dort einst aus Holz errichtete Gebäude bestanden, zahlreiche Verfärbungen der ehemals in den Boden eingegrabenen Holzpfosten hatten sich erhalten. Außer dem üblichen Tageswerk in einer Siedlung wurde auch Raseneisenerz zu Eisen verhüttet, wovon vier Überreste von sogenannten Rennfeueröfen mit etlichen Kilogramm Eisenschlacke zeugen. Sicher dürften die Bewohner der Siedlung ihren Lebensunterhalt vor allem auf landwirtschaftlicher Basis bestritten haben, insbesondere das keramische Fundmaterial belegt mit zeittypischen Stücken von Gebrauchskeramik, teilweise verziert mit Kammstrich-, Sparren- und Tannenzweigmustern, aber auch hängenden Bögen und Punktrosetten, das zu erwartende Fundspektrum. Nichts deutet bei diesen Funden auf weitreichende Beziehungen oder Kontakte hin, sie zeichnen das Bild einer lokal verwurzelten, kleinen Gemeinschaft.

Abb. 2. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Rekonstruktionszeichnung einer Reibschale Fotomontage des Schweriner Fragments.Details anzeigen
Abb. 2. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Rekonstruktionszeichnung einer Reibschale Fotomontage des Schweriner Fragments.

Abb. 2. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Rekonstruktionszeichnung einer Reibschale Fotomontage des Schweriner Fragments.

Abb. 2. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Rekonstruktionszeichnung einer Reibschale Fotomontage des Schweriner Fragments.

Umso mehr überrascht deshalb ein keramisches Einzelstück. Allein schon durch seine Oberflächenbehandlung mit einer rötlich-braunen Engobe – einem glasurartigen, feinen Überzug – fällt es in dem übrigen Fundmaterial sofort auf. Und dies erst recht, wenn man sich das Stück genauer anschaut: Dicht unter dem Rand des Gefäßfragments befindet sich ein Loch, dessen Außenseite mit einer frontalen Darstellung eines Löwenkopfes verziert ist (Abb. 1). Auch wenn die Oberfläche in diesem Bereich abgenutzt ist, lassen sich die Schnauze des Tieres und das aufgerissene Maul um den Ausguss gut erkennen. Darüber sind die aufgerissenen Augen modelliert, umrahmt wird die Applike von der Mähne und einem erhaltenen Ohr. Aufgrund dieser markanten Gestaltung lässt sich das Stück zweifelsfrei den römischen Reibschalen mit Löwenkopfausguss (Typ Dragendorff 45) zuweisen (Abb. 2). Reibschalen gehörten zum römischen Küchengeschirr, an den mit Quarz- oder Kalksteingrus versehenen Schaleninnenseiten ließen sich Kräuter und Gewürze zermahlen und ‒ wohl üblicherweise mit Milchprodukten vermischt ‒ Saucen herstellen (Abb. 3). Solche mortaria waren im gesamten Römischen Reich verbreitet, Löwenkopfschalen lassen sich allerdings recht gut eingrenzen. Ihr Herstellungsraum liegt in der Mitte und im Osten der gallischen Provinzen, wo sie etwa ab der Mitte des zweiten Jahrhunderts bis in das vierte Jahrhundert n. Chr. gebräuchlich waren.

Abb. 3. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Innenseite des Keramikfragments mit Quarzgrus zur Herstellung der Reibefläche.Details anzeigen
Abb. 3. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Innenseite des Keramikfragments mit Quarzgrus zur Herstellung der Reibefläche.

Abb. 3. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Innenseite des Keramikfragments mit Quarzgrus zur Herstellung der Reibefläche.

Abb. 3. Krebsförden, Landeshauptstadt Schwerin. Innenseite des Keramikfragments mit Quarzgrus zur Herstellung der Reibefläche.

Für unser Gebiet ist festzuhalten, dass Nachweise von Gefäßen dieser Keramikart, der sogenannten römischen terra sigillata, nur sehr vereinzelt vorliegen, wir kennen lediglich einige Fragmente aus Siedlungen. Es dürfte sich demnach um exotische Besonderheiten handeln, die vermehrt wohl auch nur in Fragmenten in entlegene Regionen gelangten und allein aufgrund ihrer Machart, teilweise aufgrund ihrer Verzierung als besondere Stücke angesehen und wertgeschätzt wurden. So muss auch für das Exemplar aus Krebsförden leider offenbleiben, ob tatsächlich eine ganze Reibschale oder nur das mit der Löwenkopfapplike versehene Bruchstück bis in das Schweriner Umland gelangte.

Daran knüpft sich auch die Frage, ob mit solchem Gebrauchsgeschirr auch römische Kochsitten in lokale Gefilde übernommen wurden. Naheliegend ist diese Vermutung für limesnahe Abschnitte, wo Fragmente unterschiedlicher Warenarten in Siedlungen gefunden wurden. In Mainfranken und auch im Thüringer Becken ist mit Töpfereien selbst die lokale Herstellung von Reibschalen belegt, dort fanden sie mit der Beigabe einer Reibschale im sogenannten Fürstinnengrab von Haßleben sogar Eingang in den Bestattungsritus der Oberschicht. Die ansonsten eher spärlichen Funde mahnen aber davor, solche Deutungsansätze auch auf entfernte Regionen im Barbaricum zu übertragen.

Zweifelsfrei dürfte das exotische Tier seinerzeit aber die hiesigen Betrachter fasziniert haben, ebenso wie auch heute noch die Löwen im Schweriner Stadtbild Bewohner und Besucher faszinieren.

Fabian Möller M.A., Björn Rauchfuß M.A. und Dr. Lars Saalow

Literatur

D. Baatz, Reibschüssel und Romanisierung. ‒ Acta Rei Cretariae Romanae Fautorum 17/18, 1977, 147–158.

H. Dragendorff, Terra sigillata. ‒ Bonner Jahrbücher 96/97, 1895, 17‒155.

S. Dušek, Römische Reibschalen im germanischen Thüringen. – Alt-Thüringen 24, 1989, 183–198.

U. Gross und R. Prien, „Reibschüsseln und Restromanen“ – Ernährungs- und Kochgewohnheiten im westlichen Mitteleuropa zwischen 300 und 800. In: J. Drauschke, R. Prien, A. Reis (Hrsg.): Küche und Keller in Antike und Frühmittelalter: Tagungsbeiträge der Arbeitsgemeinschaft Spätantike und Frühmittelalter. 7. Produktion, Vorratshaltung und Konsum in Antike und Frühmittelalter. Studien zu Spätantike und Frühmittelalter 6, 2014, 223-256. Hamburg.

W. Schulz und R. Zahn, Das Fürstengrab von Haßleben. Römisch-Germanische Forschungen 7, 1933. Berlin/Leipzig.

B. Steidl, Lokale Drehscheibenkeramik römischer Formgebung aus dem germanischen Mainfranken. Zeugnis für die Verschleppung römischer Reichsbewohner nach Germanien? – Bayerische Vorgeschichtsblätter 67, 2002, 87–115.

M. K. N. Weidner, Reibschalen mit Löwenkopfausguß des Typs Dragendorff 45 aus Trier. ‒ Trierer Zeitschrift 69/70, 2006/7, 51‒102.

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