Das erste seiner Art im Norden! – Ein Hallstattortband aus der Warnow bei Werle, Lkr. Rostock

Fund des Monats August 2026

Abb. 1: Werle, Lkr. Rostock, Fpl. 34. Ortband der Art Frankfurter Stadtwald. Bronze.Details anzeigen
Abb. 1: Werle, Lkr. Rostock, Fpl. 34. Ortband der Art Frankfurter Stadtwald. Bronze.

Abb. 1: Werle, Lkr. Rostock, Fpl. 34. Ortband der Art Frankfurter Stadtwald. Bronze.

Abb. 1: Werle, Lkr. Rostock, Fpl. 34. Ortband der Art Frankfurter Stadtwald. Bronze.

Zu einem prunkvollen Schwert gehört natürlich auch eine eindrucksvolle Schwertscheide – und diese sollte nach Möglichkeit mit einem metallenen Ortband versehen sein! Dieser Grundsatz dürfte schon während der Bronzezeit gegolten haben, wenngleich man(n) sich wohl nicht immer strikt daran gehalten hat. Schaut man nämlich in die Arbeit von Harry Wüstemann, der die bronzezeitlichen Schwerter und Ortbänder Ostdeutschlands zusammengestellt hat, so findet sich dort für Periode III zwar eine Vielzahl an Schwertern, doch sind nicht einmal 30 davon mit einem Ortband vergesellschaftet (Wüstemann 2004, 256 f.). Betrachtet man die jüngere Bronzezeit, so wird das Quellenbild noch überschaubarer, denn für sein gesamtes Arbeitsgebiet kann Wüstemann gerade einmal zwei Ortbänder anführen – und keines davon wurde in Mecklenburg-Vorpommern gefunden. Trotz der intensiven Detektorprospektion seit Mitte der 2000er Jahre hat sich dieser keineswegs befriedigende Zustand nicht grundlegend verbessert, denn nur ein jungbronzezeitliches Ortband wurde seither entdeckt. Dabei handelt es sich um das beutelförmige Ortband aus dem Flachen See bei Sophienhof, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte, das vermutlich aus der Region zwischen Seine und Maas stammt und folglich als Import nach Mecklenburg-Vorpommern gelangte (Schmidt 2017, 274 ff. Abb. 3–4).

Abb. 2: Schwert mit bronzenem Vollgriff und eiserner Klinge „aus der Warnow bei Schwaan“.Details anzeigen
Abb. 2: Schwert mit bronzenem Vollgriff und eiserner Klinge „aus der Warnow bei Schwaan“.

Abb. 2: Schwert mit bronzenem Vollgriff und eiserner Klinge „aus der Warnow bei Schwaan“.

Abb. 2: Schwert mit bronzenem Vollgriff und eiserner Klinge „aus der Warnow bei Schwaan“.

Sein Alleinstellungsmerkmal hat der Fund aus dem Flachen See am 9. Juni 2025 verloren, denn an diesem Tag wurde in Mecklenburg-Vorpommern ein zweites Schwertortband der jüngeren Bronzezeit gefunden (Abb. 1). Dieses Exemplar datiert nach Periode VI und ist damit jünger als das Stück aus Sophienhof. Es wurde durch die ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerin Ina Großer zusammen mit frühgeschichtlichen Waffen aus der Warnow bei Werle, Lkr. Rostock, geborgen. Der Auffindungsort liegt unterhalb der slawenzeitlichen Burg (Ruchhöft 1996, 252 ff. Abb. 10) und oberhalb des völkerwanderungszeitlichen Waffenopferplatzes (Schmidt 2019a mit älterer Literatur). Es stammt aus einem 1927/28 ausgebaggerten Abschnitt der Warnow und fand sich an der Oberfläche auf dem Grund des Flusses liegend, im abfallenden Bereich zwischen Ufer und Flußrinne. Da trotz intensiver Umfeldsuche kein zugehöriges Schwert gefunden wurde, ist anzunehmen, dass dieses bereits bei den Baggerarbeiten in den 1920er Jahren ausgebaggert worden ist. Zwar gibt es unter den damals geborgenen Waffen kein für die Hallstattzeit typisches Griffzungenschwert (zu diesen Schwertern siehe Schmidt 2019b), dafür aber ein in seiner Form einzigartiges Vollgriffschwert mit Bronzegriff und eiserner Klinge, bei dem eine Datierung nach Periode VI zumindest von einigen Forschern erwogen wird (Abb. 2, Müller-Karpe 1961, 83 Taf. 70, 12 [„Redentin, Kr. Wismar“]; Hundt 1997, 68 Nr. 181 Taf. 58, 1 [„Warnow bei Schwaan“]; Wüstemann 2004, 194 f. Nr. 520 Taf. 85 [„Bei Schwaan“]). Bedauerlich ist jedoch, dass der genaue Fundort dieses Fundes nicht überliefert ist.

Bekannt ist hingegen der Auffindungsort des neu entdeckten Ortbandes, der als „Werle, Lkr. Rostock, Fpl. 34“ in den Ortsakten der Landesarchäologie erfasst ist. Bei dem Fund handelt es sich um ein hervorragend erhaltenes, hohl gegossenes Ortband aus Bronze mit goldbrauner „Moorpatina“. Der Ortbandkörper ist parabelförmig, sein Unterteil leicht abgesetzt und verdickt (Stärke 0,87 cm). Die oben spitzwinklig zusammenlaufenden Flügelfortsätze weisen gerade zu den Seiten und enden in kugelig verdickten, leicht nach unten gebogenen Abschlüssen (Durchmesser 0,45/0,49 cm). Die spitzovale Öffnung (2,9 x 1,3 cm [außen]) ist U-förmig eingezogen, der Rand leicht verdickt und nach außen umgebogen. Nietlöcher, die eine Fixierung des Schwertscheidenabschlusses erlaubt hätten, sind nicht vorhanden. Die Breite misst 11,55 cm, die Gesamthöhe beträgt 4,6 cm und das Gewicht liegt bei gerade einmal 33,81 g. Die Inventarnummer lautet ALM 2025/415,1.

Anders als die Hallstattschwerter sind Ortbänder der Hallstattzeit im nördlichen Mitteleuropa und in Skandinavien sehr selten. Bislang gab es für Ostdeutschland nur ein Exemplar, das in Triglitz, Lkr. Prignitz, aus einem „zerstörten Hügelgrab mit Urnenbestattung“ geborgen wurde und dem Typ Dottingen zugewiesen wird (Wüstemann 2004, 258 Nr. 802 Taf. 107). Für Schleswig-Holstein liegen zwei Nachweise vor, die beide aus der Umgebung der Hansestadt Lübeck stammen: ein Ortband vom Typ Dottingen wurde aus einem überhügelten Schwertgrab bei Kücknitz geborgen (Schmidt 1993, 126 Nr. 330), ein Exemplar vom Typ Prüllsbirkig fand sich – ebenfalls mit einem Hallstattschwert kombiniert – in einem Grabhügel bei Siems (Schmidt 1993, 128 Nr. 340). Ein weiteres Ortband vom Typ Prüllsbirkig stammt aus Kvinneby auf der schwedischen Insel Öland (Kossack 1959, 285). Vervollständigt wird die sehr überschaubare Reihe der Vergleichsfunde durch ein Ortband vom Typ Büchenbach aus dem polnischen Gorszewice, woj. wielkopolskim (Sprockhoff 1931, 112 Taf. 24, 4). Der überwiegende Teil der hallstattzeitlichen Ortbänder stammt jedoch aus dem mittel- und westeuropäischen Raum, wo auch die Herstellung der im Norden gefundenen Exemplare erfolgt sein dürfte (Schauer 1971, 217 ff. Taf. 127 A-B).

Abb. 3: Verbreitung hallstattzeitlicher Ortbänder der Typen Prüllsbirkig, Dottingen und Büchenbach. Die Ortbänder der Art Frankfurter Stadtwald sind hervorgehoben.Details anzeigen
Abb. 3: Verbreitung hallstattzeitlicher Ortbänder der Typen Prüllsbirkig, Dottingen und Büchenbach. Die Ortbänder der Art Frankfurter Stadtwald sind hervorgehoben.

Abb. 3: Verbreitung hallstattzeitlicher Ortbänder der Typen Prüllsbirkig, Dottingen und Büchenbach. Die Ortbänder der Art Frankfurter Stadtwald sind hervorgehoben.

Abb. 3: Verbreitung hallstattzeitlicher Ortbänder der Typen Prüllsbirkig, Dottingen und Büchenbach. Die Ortbänder der Art Frankfurter Stadtwald sind hervorgehoben.

Das Ortband von Werle lässt sich allerdings weder dem Typ Prüllsbirkig noch dem Typ Dottingen zuweisen. Sehr viel näher stehen ihm die Ortbänder aus dem Frankfurter Stadtwald und aus Hennenhof in der Oberpfalz, also eines Typs, den Peter Schauer als „Ortbänder der Art Frankfurter Stadtwald“ ausgliedert (Schauer 1975, 219 Nr. 11–13 Taf. 124). Kennzeichnend für diese Form sind ein zungenförmiger Ortbandkörper, wulstige Flügelenden und eine Tüllenöffnung mit Wulsträndern, unter denen sich nur im Ausnahmefall zwei Nietlöcher befinden. Lediglich bei den Abmessungen entspricht das Stück aus Werle nicht den süddeutschen Parallelen, denn deren Flügelspannweite variiert zwischen 16 und 20 cm. Hinsichtlich seiner Größe gleicht das Stück aus Werle den Ortbändern vom Typ Neuhaus, deren Breite zwischen 10 und 13 cm liegt, die aber eine deutlich gedrungenere Grundform haben und fast immer Nietlöcher aufweisen (Schauer 1978, 218 f. Nr. 21–23.25 Taf. 125). Auf die zeitliche Einordnung hat die Typzuweisung hingegen kaum Auswirkungen, denn nach Martin Trachsel ähneln beide Ortbandtypen einander so sehr, dass von einer Überschneidung der Produktionszeiten ausgegangen werden kann und beide annähernd zeitgleich in die frühe Stufe Ha C1 einzuordnen sind (Trachsel 2004, 114 Abb. 58).

Demnach ist auch das Ortband aus Werle in die frühe Stufe Ha C1 zu datieren, was im Norden der frühen Periode VI entspricht. Es ist den Ortbändern der „Art Frankfurter Stadtwald“ zuzuweisen, dürfte aus der Region zwischen Main und Donau stammen und von dort in den Norden gekommen sein. Im Norden gelangte das Fundstück – anders als das Gros der Ortbänder dieser Zeit – nicht als Grabbeigabe in den Boden, sondern als Opfergabe in die Warnow. Vermutlich wurde das Ortband gemeinsam mit einem Schwert deponiert, doch wird sich diese Annahme niemals sicher belegen lassen.

Dr. Jens-Peter Schmidt

Literatur

Hundt 1997
H.-J. Hundt, Die jüngere Bronzezeit in Mecklenburg. – Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns 31. Lübstorf.

Kossack 1959
G. Kossack, Südbayern während der Hallstattzeit. – Römisch-Germanische Forschungen 24. Berlin 1959.

Müller-Karpe 1961
H. Müller-Karpe, Die Vollgriffschwerter der Urnenfelderzeit in Bayern. – Münchener Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte 6. München 1961.

Ruchhöft 1996
F. Ruchhöft, Werle, Schwaan und die Via Regia. Bodenfunde in der Altstadt Schwaan, Lkr. Bad Doberan. Neue Erkenntnisse zu Stadtgründungen in Mecklenburg. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 44, 1996, 233–260.

Schauer 1971
P. Schauer, Die Schwerter in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz I. – Prähistorische Bronzefunde IV, 2. München 1971.

Schmidt 1993
J.-P. Schmidt, Studien zur jüngeren Bronzezeit in Schleswig-Holstein und dem nordelbischen Hamburg. – Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 15. Bonn 1993.

Schmidt 2017
J.-P. Schmidt, Ein Fremdling im Nordischen Kreis – Jungbronzezeitliche Funde aus dem Flachen See bei Sophienhof, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. In: D. Brandherm/B. Nessel (Hrsg.), Phasenübergänge und Umbrüche im bronzezeitlichen Europa. Beiträge zur Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Bronzezeit auf der 80. Jahrestagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumskunde. – Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 297, 271–281. Bonn 2017.

Schmidt 2019a
J.-P. Schmidt, Völkerwanderungszeitliche Funde aus der Warnow bei Werle, Lkr. Rostock. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 67, 2019, 7–68.

Schmidt 2019b
J.-P. Schmidt, Ein bronzenes Hallstattschwert der Periode VI aus dem Flachen See bei Sophienhof, Lkr. Mecklenburgische Seenplatte. – Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 26, 2019, 26–34.

Sprockhoff 1931
E. Sprockhoff, Die germanischen Griffzungenschwerter. – Römisch-Germanische Forschungen 5. Berlin, Leipzig 1931.

Trachsel 2004
M. Trachsel, Untersuchungen zur relativen und absoluten Chronologie der Hallstattzeit. – Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 104. Bonn 2004.

Wüstemann 2004
H. Wüstemann, Die Schwerter in Ostdeutschland. – Prähistorische Bronzefunde IV, 15. Stuttgart 2004.

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