Zwei Münzschätze aus der Zeit um 1300 von Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen. Ein Zeugnis eines Krieges gegen die Herrschaft Rostock?

Fund des Monats September 2026

Abb. 1: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Auswahl von Münzen des Schatzes 1.Details anzeigen
Abb. 1: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Auswahl von Münzen des Schatzes 1.

Abb. 1: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Auswahl von Münzen des Schatzes 1.

Abb. 1: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Auswahl von Münzen des Schatzes 1.

Von etwa 1250 bis 1365 waren silberne Hohlpfennige das vorherrschende Zahlungsmittel auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern. Dies belegen zahlreiche Schatzfunde. Oft können die Vergrabungszeiten der Schatzfunde aufgrund der Schlichtheit dieser stummen Münzen nicht genau datiert werden (Dannenberg 1893; Oertzen 1900; Maybaum 1912), es sei denn, es gibt als Beifunde andere, chronologisch besser fassbare Münzsorten oder die Herstellung des Münzschatzgefäßes lässt sich zeitlich eingrenzen.

Abb. 2: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 1 (Höhe links oben 11 cm).Details anzeigen
Abb. 2: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 1 (Höhe links oben 11 cm).

Abb. 2: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 1 (Höhe links oben 11 cm).

Abb. 2: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 1 (Höhe links oben 11 cm).

Ein wichtiger Neufund aus dieser Geldperiode gelang dem ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Peter Wenzel am 21. Juli 2019 mit der Entdeckung von einigen Hohlpfennigen auf einem Acker in der südlich von Ribnitz-Damgarten gelegenen Gemarkung Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen. Im Rahmen einer umfangreichen Nachsuche konnten im Erdreich insgesamt 5468 zum Teil halbierte Hohlpfennige geborgen werden (Abb. 1). Sie gehören zu einem Münzschatz, der im 20. Jahrhundert durch Meliorationsarbeiten erfasst und zerstreut wurde. Als Schatzgefäß konnte ein Krug aus gemagerten Steinzeug Siegburger Art mit Steilrand ermittelt werden (Abb. 2). Derartige, aus dem Rheinland importierte Keramik wurde zwischen um 1290 und um 1310 hergestellt (Schäfer 1996, 320–322; Schäfer/Schäfer 1997, 282).

Abb. 3: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatz 2 in situ.Details anzeigen
Abb. 3: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatz 2 in situ.

Abb. 3: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatz 2 in situ.

Abb. 3: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatz 2 in situ.

Abb. 4: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 2 (Höhe 12,8 cm).Details anzeigen
Abb. 4: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 2 (Höhe 12,8 cm).

Abb. 4: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 2 (Höhe 12,8 cm).

Abb. 4: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Münzschatzgefäß des Schatzes 2 (Höhe 12,8 cm).

Im Bereich der Fundstreuung des Schatzes 1 fand sich ein zweiter, aber kleinerer Krug aus gemagerten Steinzeug Siegburger Art mit Steilrand. Auch er war sekundär verlagert (Schatz 2; Abb. 3), aber noch vollständig und mit 2223 Hohlpfennigen bzw. halbierten Hohlpfennigen gefüllt (Abb. 4). Da sich beide Münzschätze nicht mehr in situ befanden, kann nicht geklärt werden, wie groß der Abstand zwischen den beiden vergrabenen Gefäßen war. Da beide Schatzgefäße von gleicher Machart sind, ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass sie zum gleichen Zeitpunkt in die Erde kamen.

Abb. 5: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Schatz 2. Hohlpfennig aus Mecklenburg (Durchmesser 15,4 mm).Details anzeigen
Abb. 5: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Schatz 2. Hohlpfennig aus Mecklenburg (Durchmesser 15,4 mm).

Abb. 5: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Schatz 2. Hohlpfennig aus Mecklenburg (Durchmesser 15,4 mm).

Abb. 5: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Schatz 2. Hohlpfennig aus Mecklenburg (Durchmesser 15,4 mm).

Die Hohlpfennigtypen des Schatzes 2 wurden vollständig erfasst. Einige von diesen sollen hier kurz vorgestellt werden. Zu den in Mecklenburg geprägten Stierkopf-Hohlpfennigen zählen Stücke ohne Beizeichen (Abb. 5) und mit Beizeichen wie einem Dreiblatt (Abb. 6) oder einem Fingerring (Abb. 7) zwischen den Hörnern. Es gibt auch Exemplare, auf denen anstelle der Hörner eine Krone (Abb. 8) oder zwei einander abgewandte Mondsicheln (Abb. 9) zu sehen sind. Stralsund ist durch verschiedenartige Flaggen-Hohlpfennige vertreten. Als Beizeichen können ein Winkel (Abb. 10), ein Strahl (Abb. 11) oder ein Stern (Abb. 12) vorkommen. Die Münzen aus Greifswald zeigen einen menschlichen Kopf mit einer primitiv dargestellten Krone. So gibt es Stücke mit vier Zinken (Abb. 13) oder einer geschlossenen Krone (Abb. 14). Das Zeichen von Anklam ist ein gotisches „A“ (Abb. 15) oder ein Strahl (Abb. 16). Hohlpfennige aus Demmin sind durch eine Lilie gekennzeichnet. Neben einfachen Exemplaren (Abb. 17) kommen Stücke vor, die einen Stern als Beizeichen haben (Abb. 18). Die Münze in Pasewalk nutzte eine Greifenklaue als Zeichen (Abb. 19). Münzen aus Stettin (Szczecin) sind dagegen durch einen Greifenkopf gekennzeichnet (Abb. 20). Variantenreich sind die Hohlpfennige aus Pyritz (Pyrzyce) und Stargard, wobei die einen durch Blumen (Abb. 21) und die anderen durch Sterne (Abb. 22) gekennzeichnet sind. Ein Bischofsstab zeigt an, dass dieser Hohlpfennig in Cammin (Kamień Pomorski) seine Heimat hat (Abb. 23). Zwei gekreuzte Bischofs- bzw. Krummstäbe gehören dagegen nach Kolberg (Kołobrzeg) (Abb. 24). Aus Gollnow (Goleniów) stammt die Münze mit den beiden Mondsicheln (Abb. 25). Den längsten Weg nach Neuhof hatte ein Hohlpfennig aus einer Münzstätte des Deutschen Ordens (Abb. 26). Die meisten Münzen des Schatzes 2 kommen aus Mecklenburg, Stralsund, Greifswald und Anklam (Abb. 27). Demzufolge handelt es sich um einen typischen Heimatfund mit regionalem Kleingeld.

Abb. 27: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Herkunft der im Münzschatz 2 enthaltenen Hohlpfennige. Die Größe der Kreise gibt einen groben Überblick über die Häufigkeit der Münzen.Details anzeigen
Abb. 27: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Herkunft der im Münzschatz 2 enthaltenen Hohlpfennige. Die Größe der Kreise gibt einen groben Überblick über die Häufigkeit der Münzen.

Abb. 27: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Herkunft der im Münzschatz 2 enthaltenen Hohlpfennige. Die Größe der Kreise gibt einen groben Überblick über die Häufigkeit der Münzen.

Abb. 27: Neuhof, Lkr. Vorpommern-Rügen, Fpl. 2. Herkunft der im Münzschatz 2 enthaltenen Hohlpfennige. Die Größe der Kreise gibt einen groben Überblick über die Häufigkeit der Münzen.

Obwohl die Münzen von Schatz 1 bisher nur im kleinen Umfang erfasst wurden, kann gesagt werden, dass in beiden Schätzen die gleichen Münztypen dominieren. Ihr Durchmesser liegt bei 15 mm und das Gewicht schwankt um 0,35 g. Das Gewicht weist diese Hohlpfennige dem rostockisch-sundischen Münzfuß, also nicht dem lübischen Münzfuß, zu.

Zum Schluss stellt sich die Frage, warum die beiden Münzschätze vergraben wurden. Denkbar ist, dass es mit einem persönlichen Schicksal zu tun hat. Es könnte aber auch einen äußeren Anlass gegeben haben, wie zum Beispiel eine Epidemie oder einen Krieg. Am wahrscheinlichsten ist es, das Vergraben der Münzschätze mit den kriegerischen Zeiten von 1299 bis 1301 in Verbindung zu bringen. Neuhof gehörte damals zur Herrschaft Rostock, die von dem jungen Nikolaus von Rostock zuerst unter Vormundschaft und danach allein regiert wurde (Reg. um 1290/95–1314). Er heiratete 1298 oder 1299 Margarete, eine Tochter Bogislaws IV. von Pommern-Wolgast (Bei der Wieden 2007, 141). Diese beiden Herrscher waren mit Wizlaw III. von Rügen verbündet. Entfernte Verwandte von Nikolaus von Rostock wollten ihm wohl sein Land wegnehmen und nutzten aus, dass er noch sehr jung und Vollwaise war. Für das Jahr 1299 berichtet die im Jahre 1378 aufgeschriebene mecklenburgische Reimchronik des Ernst von Kirchberg von den Feinden Nikolaus von Rostock folgendes: „in daz lant zu Rodestog, der sy eyn teyl durchranten, virhereten vnd virbranten“ (Cordshagen/Schmidt 1997, 430). Die Feinde des Landes Rostock belagerten 1299 auch Rostock, konnten es aber nicht einnehmen. In einer Urkunde vom 26. November 1299 sind diese benannt, da sie eine Vereinbarung über die Zahlung von 5000 Mark erzielten und im Gegenzug die Belagerung Rostocks aufhoben (MUB IV., Nr. 2583). Die Feinde waren Otto IV. und Hermann III. von Brandenburg, Heinrich II. von Mecklenburg, Nikolaus II. von Mecklenburg-Werle und Otto I. von Pommern-Stettin. Danach zog das Kriegsvolk in Richtung Osten ab, wo auch Neuhof lag, und drang gewaltsam in das Land Rügen ein (Franck 1754, 141). Die Feindseligkeiten auf dem Territorium der Herrschaft Rostock gingen auch noch im Jahre 1300 weiter (Koppmann 1903, S. X). Die zwei Münzschätze von Neuhof könnten in diesen beiden kriegerischen Jahren vergraben worden sein und der Eigentümer hatte – wie auch immer – diese Schreckenszeit nicht überlebt. Aber auch das Jahr 1301 kommt noch in Frage. Um seine Feinde zu vertreiben, begab sich Nikolaus von Rostock auf Anraten seiner Berater unter die Schutzherrschaft des dänischen Königs Erich VI. Menved. Da trotzdem kein Frieden einzog, ließ die neue Macht Taten folgen. Die Dänen erschienen im Jahre 1301 mit einer starken Flotte vor Warnemünde und drangen bis Tessin und Gnoien vor (Hamann 1968, 163). Neuhof liegt an der nördlichen Flanke der beiden Städte und könnte auch durch diesen Kriegszug in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Erst mit dem Friedensschluss zu Schwaan am 22. Juli 1301 (MUB V., Nr. 2745) kehrte im Land Rostock wieder Ruhe ein.

Dr. Heiko Schäfer

Literatur

Bei der Wieden 2007
Helge Bei der Wieden, Nikolaus von Rostock und sein Beiname „das Kind“. – Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock 29, 2007, 137–152.

Cordshagen/Schmidt 1997
Christa Cordshagen/Roderich Schmidt (Hrsg.), Mecklenburgische Reimchronik des Ernst von Kirchberg. Köln/Weimar/Wien 1997.

Dannenberg 1893
Hermann Dannenberg, Münzgeschichte Pommerns im Mittelalter. Berlin 1893.

Franck 1754
David Franck, Des Alt- und Neuen Mecklenburgs Fünftes Buch von Mecklenburgs Verwirrung unter vielerley Herren. Güstrow/Leipzig 1754.

Hamann 1968
Manfred Hamann, Mecklenburgische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Landständischen Union von 1523. Köln/Graz 1968.

Koppmann 1903
Karl Koppmann, Der Rostocker Urkundenfund vom 6. Mai 1899. – Beiträge zur Geschichte der Stadt Rostock 3, Heft 1, 1903, V–XXX.

Maybaum 1912
Johannes Maybaum, Mecklenburgische und pommersche Hohlpfennige des XIV. Jahrhunderts. – Berliner Münzblätter 33, 1912, 431–435, 453–456, 480–483.

MUB
Mecklenburgisches Urkundenbuch

Oertzen 1900
Otto Oertzen, Die mecklenburgischen Münzen des Großherzoglichen Münzkabinets. I. Teil: Die Bracteaten und Denare. Schwerin 1900.

Schäfer/Schäfer 1997
Cathrin Schäfer/Heiko Schäfer, Ein emailbemalter Glasbecher aus Greifswald, unter besonderer Berücksichtigung des Befundes und der Beifunde. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 45, 1997, 271–298.

Schäfer 1996
Heiko Schäfer, Zur Keramik des 13. bis 15. Jahrhunderts in Mecklenburg-Vorpommern. – Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 44, 1996, 297–335.

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