Was macht das Pferd auf dem Tisch? – Das Fragment eines figürlichen Aquamaniles von der Burg Ekberg bei Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald

Fund des Monats November 2026

Nördlich der Ortschaft Horst bei Sundhagen befindet sich ein Niederungsgebiet mit einigen markanten, inselartigen Erhebungen. Am südöstlichen Ende eines ca. 260 m langen Geländerückens liegt eine im Volksmund als „Schlossberg“ oder „Die Burg“ bezeichnete Kuppe. Seit den 1950er Jahren weiß man durch Oberflächenfunde, dass hier eine mittelalterliche Befestigungsanlage gelegen hat. Inzwischen hat die Forschung sowohl archäologische als auch archivalisch-historische Quellen zu diesem Ort erschlossen (Möller 1994; 2019). Gunnar Möller führte außerdem 1988 eine Sondierung durch, die ein Plateau von ca. 24 x 24 m nachwies, auf dem wohl der Turm stand. An diesen angeschlossen werden von ihm weitere Stein- bzw. Fachwerkgebäude vermutet. Allerdings ist die Anlage wohl absichtlich, aber auch durch landwirtschaftliche Bearbeitung stark verschliffen. Ab 2009 haben zwei ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger, Henry Düwel und Dr. Jens Scheel, in Absprache mit der Landesarchäologie systematische Fundaufsammlungen auf dem Burgberg und in seiner Umgebung durchgeführt. Dabei stellten sie 250 m südlich der Burg (Fpl. 3, Gemarkung Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald) eine bis dahin unbekannte, ausgedehnte Siedlung hochmittelalterlicher Zeitstellung fest (Fpl. 7, Horst bei Sundhagen, Lkr. Vorpommern-Greifswald), bei der es sich um einen zugehörigen Wirtschaftshof gehandelt haben kann (Ruchhöft 2014).

Abb. 1 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Pferdekopf eines bronzenen Aquamaniles, Seitenansichten und Ansicht von oben.Details anzeigen
Abb. 1 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Pferdekopf eines bronzenen Aquamaniles, Seitenansichten und Ansicht von oben.

Abb. 1 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Pferdekopf eines bronzenen Aquamaniles, Seitenansichten und Ansicht von oben.

Abb. 1 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Pferdekopf eines bronzenen Aquamaniles, Seitenansichten und Ansicht von oben.

Die Burg liegt im Bereich der Terra bzw. Herrschaft Gristow, einer Apanage des ältesten Sohns des Rügenfürsten Jaromar I. namens Barnuta. Diese Herrschaft war Teil des sogenannten Festlandrügens und gehörte den Rügenfürsten, die dieses Gebiet im 12. Jahrhundert den Pommernherzögen abgenommen hatten. Die Südgrenze des rügenschen Besitzes verlief nur unweit der Burg Ekberg am heutigen Ryck. Insgesamt sechsmal wird in pommerschen und mecklenburgischen Urkunden des ersten Drittels des 14. Jahrhunderts eine Burg Ekberg (Ekberg, Ecberg, Egberghe) genannt, die innerhalb der Herrschaft Gristow gelegen hat. Schon zu Beginn des Rügischen Erbfolgekrieges (1326-1328) öffneten die Herren von Gristow diese Burg für die verbündeten Mecklenburger. Nach Ende dieses Konflikts in einer Region territorialer Interessen scheint es zu weiteren handfesten Auseinandersetzungen, diesmal mit der Stadt Greifswald, gekommen zu sein. Dabei wurde die Burg Ekberg offensichtlich zerstört, denn 1331 verzichtet Johann von Gristow gegen Geldzahlung durch die Stadt Greifswald auf deren Wiederaufbau. Zahlreiche bei den Prospektionen gefundene Pfeilspitzen, Armbrustbolzen und Krähenfüße illustrieren kriegerische Auseinandersetzungen um die Burg.

Abb. 2 Segebadenhau, Fpl. 3 und Horst bei Sundhagen Fpl. 7, beide Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage der Burg (Roter Stern: Fundstelle Aquamanile; Fundpunkte Rot: Keramik, Blau: Metall, Braun: Pfeilspitzen, Armbrustbolzen und Krähenfüße) und der Vorburgsiedlung.Details anzeigen
Abb. 2 Segebadenhau, Fpl. 3 und Horst bei Sundhagen Fpl. 7, beide Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage der Burg (Roter Stern: Fundstelle Aquamanile; Fundpunkte Rot: Keramik, Blau: Metall, Braun: Pfeilspitzen, Armbrustbolzen und Krähenfüße) und der Vorburgsiedlung.

Abb. 2 Segebadenhau, Fpl. 3 und Horst bei Sundhagen Fpl. 7, beide Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage der Burg (Roter Stern: Fundstelle Aquamanile; Fundpunkte Rot: Keramik, Blau: Metall, Braun: Pfeilspitzen, Armbrustbolzen und Krähenfüße) und der Vorburgsiedlung.

Abb. 2 Segebadenhau, Fpl. 3 und Horst bei Sundhagen Fpl. 7, beide Lkr. Vorpommern-Greifswald. Lage der Burg (Roter Stern: Fundstelle Aquamanile; Fundpunkte Rot: Keramik, Blau: Metall, Braun: Pfeilspitzen, Armbrustbolzen und Krähenfüße) und der Vorburgsiedlung.

Bei den Detektorbegehungen von Burg und Vorburgsiedlung wurden mehrere Hundert Objekte erfasst. Von besonderer Bedeutung ist das etwa 6 cm lange Kopffragment einer innen hohlen Pferdefigur (Inv. Nr. ALM 2011/706,49; Abb. 1). Auch wenn die Oberfläche vermutlich durch Hitzeeinwirkung stark korrodiert ist, lassen sich viele Details erkennen. Fast hyperrealistisch sind Augen und Schnauze ausgeführt. Außerdem sind das mit Platten verzierte Zaumzeug, blütenförmige Riemenkreuzungsbeschläge und ein Kandarengebiss plastisch dargestellt. Das abgesetzte Loch in der Stirn des Pferdekopfes weist das Objekt als Fragment eines tierförmigen Gefäßes bzw. eines Aquamaniles (Handwaschkanne) aus. Das Stück wurde am südöstlichen Fuß des Burgbergs entdeckt, wohin offenbar massive Schuttschichten nach Schleifung der Burg verlagert wurden (Abb. 2).

Abb. 3 Hildesheim. Aquamanile (etwa 1220-1240) in Form eines reitenden Menschen (Falkner oder Falknerin). Der ursprünglich auf der Hand sitzende Falke ist nicht erhalten. Wyvern Collection, UKDetails anzeigen
Abb. 3 Hildesheim. Aquamanile (etwa 1220-1240) in Form eines reitenden Menschen (Falkner oder Falknerin). Der ursprünglich auf der Hand sitzende Falke ist nicht erhalten. Wyvern Collection, UK

Abb. 3 Hildesheim. Aquamanile (etwa 1220-1240) in Form eines reitenden Menschen (Falkner oder Falknerin). Der ursprünglich auf der Hand sitzende Falke ist nicht erhalten. Wyvern Collection, UK (https://wyvernresearch.org/artworks/categories/1/9390-mounted-falconer-aquamanile-north-german-lower-saxony-hildesheim-c.-1220-40/).

Abb. 3 Hildesheim. Aquamanile (etwa 1220-1240) in Form eines reitenden Menschen (Falkner oder Falknerin). Der ursprünglich auf der Hand sitzende Falke ist nicht erhalten. Wyvern Collection, UK (https://wyvernresearch.org/artworks/categories/1/9390-mounted-falconer-aquamanile-north-german-lower-saxony-hildesheim-c.-1220-40/).

Prof. Dr. Joanna Olchawa (Department Kunstwissenschaften der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München) hat sich sehr intensiv mit Aquamanilen beschäftigt (Olchawa 2019). Freundlicherweise gab sie auch eine Einschätzung zum Fundstück von der Burg Ekberg ab. Demnach weisen Form und Stil nach Hildesheim als Herstellungsort. Vergleiche mit anderen Pferde- und Reiter-Aquamanilen, die ebenfalls dort und in dieser Zeit entstanden sein dürften, zeigen ähnliche Ausformungen. Vergleichbar sind vor allem die detailreiche Gestaltung des sich nach vorn verjüngenden Kopfes, die plastisch hervorgehobenen Nüstern, das geöffnete Maul und die großen Augen. Diese sind mit plastisch abgesetzten Lidern und einer tiefen Pupillenbohrung versehen, die so nur aus Hildesheim bekannt sind. Auch das nach vorn gerichtete und ausgehöhlte Ohr lässt mehrere Vergleiche zu, wie auch das Zaumzeug und die Ansätze der Mähne. Zum direkten Vergleich mit einem anderen aus Hildesheim stammenden Reiteraquamanile sei auf die Wyvern-Collection in London verwiesen (Abb. 3).

Die chronologische Zuordnung in die Zeit 1230 entsteht durch die vielzähligen Parallelen einzelner Gestaltungsweisen auf dem berühmten bronzenen Taufbecken im Hildesheimer Dom. Dazu gehören die Form der großen Augen mit umrahmenden Lidern und Pupillenbohrung, die plastisch modellierten Köpfe (der Evangelistensymbole) und andere fein gravierte Details. Offen bleibt allerdings die Frage, ob es sich um ein Pferd mit oder Reiter/Reiterin handelt. Vielleicht spricht das erkennbare Kandarengebiss mit dem schmucken Zaumzeug für einen Reiter, andererseits gibt es aus anderem Kontext durchaus gezäumte und gesattelte Pferde-Aquamanilen ohne Reiter/Reiterin. Gehen wir von einer Ablagerung bei oder kurz nach Zerstörung der Burg Ekberg um 1330 aus, dann war das Gießgefäß zuvor schon rund 100 Jahre in Gebrauch gewesen.

Abb. 4 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Blick in den Hohlkörper des Aquamaniles mit Stützrest (Stift) für den Guss in der verlorenen Form.Details anzeigen
Abb. 4 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Blick in den Hohlkörper des Aquamaniles mit Stützrest (Stift) für den Guss in der verlorenen Form.

Abb. 4 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Blick in den Hohlkörper des Aquamaniles mit Stützrest (Stift) für den Guss in der verlorenen Form.

Abb. 4 Segebadenhau, Lkr. Vorpommern-Greifswald, Fpl. 3. Blick in den Hohlkörper des Aquamaniles mit Stützrest (Stift) für den Guss in der verlorenen Form.

Der Bischofssitz Hildesheim war seit ottonischer Zeit ein Zentrum des Buntmetallgusses. Hier wurden hochwertige, große Objekte (zum Beispiel Türen und Taufbecken), aber auch kleinere Stücke (Leuchter, Kruzifixe, Gefäße) mit großer Kunstfertigkeit geschaffen. Der Blick in den hohlen Körper des Ekberger Stücks gibt sogar einen Hinweis auf dessen Herstellungsweise (Abb. 4). Das Aquamanile war nach dem Prinzip der verlorenen Form gegossen, bei der mit Wachs die eigentliche Form auf einen Tonkern modelliert wurde, um dann wiederum mit Ton ummantelt zu werden. Nach einem ersten Erhitzen floss das Wachs aus und wurde dann durch das eingegossene flüssige Metall ersetzt. Nach dem Guss erfolgte in der Regel eine Reinigung von Gussresten und Formlehm sowie eine Politur der Oberfläche und Verzierung mittels Stempeln oder spanabhebender Gravurtechniken. Der im Inneren des Halses erkennbare Metallstift diente ursprünglich der Fixierung des Tonkerns vor und während des Gusses. In Hildesheim hat man die Technik der verlorenen Form in klösterlichen Werkstätten über mehr als 200 Jahre immer weiter vervollkommnet und zu großer Meisterschaft entwickelt.

Abb. 5 Kopffragment einer keramischen Hirsch-Aquamanile aus einer spätslawischen Siedlung in Rerik, Lkr. Rostock.Details anzeigen
Abb. 5 Kopffragment einer keramischen Hirsch-Aquamanile aus einer spätslawischen Siedlung in Rerik, Lkr. Rostock.

Abb. 5 Kopffragment einer keramischen Hirsch-Aquamanile aus einer spätslawischen Siedlung in Rerik, Lkr. Rostock.

Abb. 5 Kopffragment einer keramischen Hirsch-Aquamanile aus einer spätslawischen Siedlung in Rerik, Lkr. Rostock.

Im frühen und hohen Mittelalter sind Aquamanilen, was wörtlich übersetzt „Handwaschgefäß“ bedeutet, in unterschiedlicher Weise benutzt worden (zum archäologisch-soziokulturellen Kontext siehe: Müller 2006; zur Praxis figürlicher Gießgefäße siehe: Kühtreiber 2021). Obwohl aus dem islamischen Kulturraum stammend, werden vergleichbare Gefäße zusammen mit Handwaschschalen schon bald in der christlichen Liturgie integriert. Die Handwaschung im Gottesdienst ist Zeichen äußerer wie innerer Reinigung. In einem komplexen Prozess wird die Durchführung der Handwaschung aber auch in der weltlich-adligen und bürgerlichen Kultur üblich. Auch hier geht die Bedeutung der Handwaschung über die Hygiene hinaus, denn die Gefäße fassen oft weniger als einen Liter Flüssigkeit. Somit steht ihre Anwendung vor dem Mahl auch für innere Säuberung. Dieser symbolische, öffentliche Akt wird in der aktuellen Forschung als identitätsstiftend für die praktizierenden Gruppen und gesellschaftlichen Schichten angesehen. Auch der Besitz und die Zuschaustellung der Aquamanilen im Haushalt bzw. auf dem Tisch ist als Standeszeichen zu verstehen. Zugleich dürfte die Zurschaustellung besonders schön gestalteter Gefäße, wie solcher aus Hildesheim, einfach auch nur Eindruck auf die Gäste gemacht haben. Übrigens haben auch die slawischen Oberschichten, nachdem sie mit der höfischen Kultur der deutschen Einwanderer in Kontakt kamen, zoomorphe (tierförmige) Gefäße verwendet (Abb. 5). Dies zeigt der Fund eines keramischen Hirschaquamaniles aus Rerik, Lkr. Rostock, das aus einer eingetieften Hausgrube stammt und in die Zeit um 1200 oder wenig später datiert wird (Müller 1997).

Dr. C. Michael Schirren

Literatur

Kühtreiber 2021
Thomas Kühtreiber, Kommu­nizierende Gefäße. Flüssig­keiten als Trägersubstanzen beim Gebrauch figürlicher Gießgefäße. In: MEMO (Medieval and Early Modern Material Culture Online10 (2023): Material aspektivieren, 81–119. Pdf-Format, doi: 10.25536/20231004.

Möller 1994
Gunnar Moller, Das Castrum Ekbergh in Segenbadenhau, Kreis Nordvorpommern. Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 1, 1994, 67–71.

Möller 2019
Gunnar Möller, Die Burg Ekberg bei Segebadenhau. In: Haik T. Porada und Wolfgang Schmidt (Hrsg.), Kirchliches Leben zwischen Trebel und Strelasund. Beiträge zur Geschichte des Kirchspiels und der Synode Grimmen (Kiel 2019), 309-316.

Müller 1997
Ulrich Müller, Ein Hirsch als Handwaschgefäß - ein bemerkenswerter Fund aus Rerik. Kreis Bad Doberan. Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 4, 1997, 112-122.

Müller 2006
Ulrich Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung. Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs (5./6. Bis 15./16. Jahrhundert). Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters. Beiheft 20. Bonn 2006.

Olchawa 2019
Joanna Olchawa, Aquamanilien. Genese, Verbreitung und Bedeutung in islamischen und christlichen Zeremonien (Bronzegeräte des Mittelalters, Bd. 8), Regensburg 2019.

Ruchhöft 2014
Fred Ruchhoft: Alte Burgen in alten Grenzbeschreibungen des Klosters Eldena, Lkr. Vorpommern - Greifswald, Archäologische Berichte aus Mecklenburg-Vorpommern 21, 2014, 138–143.

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